Musikerziehung in Schwäbisch Gmünd
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Musikpflege hat in Schwäbisch Gmünd eine lange Tradition. Seit Jahrhunderten wird die Jugend zu Gesang und Instrumentalspiel ausgebildet, sei es zu kirchlichem Dienst, sei es zu weltlicher Musik. Bis zum 17. Jahrhundert war Musik ausschließlich zweckgebunden: Einerseits diente sie dem Gottesdienst, andererseits dem Tanz, der Warnung vor Feuer oder vor Fremden, dem Anfeuern bei Marsch und Kampf, der Verherrlichung der Obrigkeit, dem Verkünden einer Botschaft, eines Festes, eines neuen Jahres.

Im Mittelalter entstand in der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd ein Bürgertum, das gegenüber dem Adel selbstbewußter zu werden begann und sich entsprechend um Bildung bemühte. So wird 1295 erstmals eine Lateinschule in Schwäbisch Gmünd erwähnt. Latein war die Sprache der Gelehrten, der Ärzte, der Geistlichen. Neben der lateinischen Sprache sollten die Knaben lernen, den Chordienst an der Pfarrkirche zu versehen. Im 13. und 14. Jahrhundert stand die Pflege des gregorianischen Chorals im Mittelpunkt des Schullebens. Lehrer waren der "Magister" und als Stellvertreter der "Kantor".

Nachdem im 14. Jahrhundert die Heilig-Kreuz-Kirche erbaut worden war, vergrößerte sich der Klerus. Damit wurden auch die Aufgaben der Chorsänger vielfältiger. Natürlich war im Mittelalter auch Instrumentalmusik verbreitet, aber es gibt nur wenige Urkunden aus dieser Zeit. Aus einer Schrift von 1520 erfahren wir über Instrumente der Kirchenmusik nur, daß zu dieser Zeit eine Orgel in der Pfarrkirche gestanden haben muß.

Erst für die Zeit der Renaissance lassen sich genauere Aussagen über die Musikausübung machen. So waren im 16. und 17. Jahrhundert Stadtpfeifer und Turmbläser angestellt, deren Pflicht es war, zu besonderen Anlässen zu spielen. Turmbläser sollten z.B. "niemandt, der aus- oder einreitet, übersehen" und "die einreitend anplase(n)" oder das "Feuerhorn" blasen. Außerdem gab es "Trommelschlager" und Spielleute sowie Laienmusiker, die vor allem Volkslieder sangen - zum Teil von Instrumenten begleitet -, oder fahrende Sänger, die mit einer Laute oder einer Art Bratsche ihre Sololieder vorführten. Einer von ihnen war der Gmünder Lautenist Hans Judenkönig, der um 1500 ein bekannter Komponist war.

Wer damals Berufsmusiker werden wollte, ging in eine "Lehre" bei einem Meister. Musikanten organisierten sich in Gmünd seit 1561 wie Handwerker in einer Zunft. Noch im Jahr 1867 erscheinen im Gewerbekataster des Oberamts Gmünd unter der Rubrik Musiker : sieben Meister und ein Gehilfe. Der Schüler mußte seinen Lehrmeister bezahlen. So kann man aus einem Testament von 1672 erfahren, daß das Lehrgeld für eine Musiklehre 30 fl (Gulden) betrug, daß dem Lehrmeister ein (selbstgebautes) Instrument zu schenken sei, und daß ein Musiker mehrere Instrumente besitzen und beherrschen mußte. Im erwähnten Fall waren das :ein Quart-Busaun (Posaune), ein Bass mit fünf Saiten, ein Dissgant-geygen (also mehrere Streichinstrumente ) und zwei Zinckhen (ähnlich der Trompete). Im 17. Jahrhundert existierten in Gmünd mehrere Klöster, die neben der Lateinschule ebenfalls Schulen unterhielten, an denen Musik gelehrt wurde. Das Hauptziel des Musikunterrichts bestand weiterhin im Einüben des Chorgesangs für den Gottesdienst.

Aber dieser war inzwischen kunstvoller und oft mehrstimmig geworden, was bedeutete, daß auch theoretische Kenntnisse vermittelt werden mußten. Zur Begleitung kamen nun außer der Orgel noch Streich- und Blasinstrumente hinzu. Um diesen erhöhten Anforderungen gerecht zu werden, erweiterte man den Musikunterricht an der Lateinschule von zwei auf vier Tage pro Woche. Es heißt: Jeden Freitag muß der Magister "mit den Scholaribus cantum choralem et figuralem exerzieren und alle Sambstag nachmittag" jeweils zu zweit "examinieren" (also jede Woche eine Prüfung!).

Der Magister wurde von der Stadt für seinen Dienst bezahlt. Von den eigenen Schülern durfte er kein Geld verlangen, bei fremden Schülern allerdings sollte er sich mit dem Schulgeld "gebührlich halten".

Neben der Lateinschule gewann im 17. Jahrhundert ein zweites Gymnasium, das Minoriten-Gymnasium der Franziskaner, an Bedeutung. Auch hier wurde die Vokal- und Instrumentalmusik gepflegt. Einer der bedeutendsten Komponisten der Reichsstadt Schwäbisch Gmünd, Felician Schwab, war damals am Franziskanerkloster Guardian (Vorsteher).

Seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts waren offenbar immer weniger Knaben der Gymnasien für den Chor geeignet, so daß an der Pfarrkirche besoldete Sänger und auch Sängerinnen eingesetzt wurden. Daneben gab es - schon seit dem 15. Jahrhundert- vier sogenannte Choralisten, die sich mit dem Chorgesang ihren Lebensunterhalt verdienten. Diese Professionalisierung führte zum Ende der Knabenchöre an der Pfarrkirche. Zusätzlich wurden nun auch Instrumentalisten regelmäßig in der Kirchenmusik eingesetzt. So waren in der Mitte des 18. Jahrhunderts elf Musikanten an der Pfarrkirche angestellt. Sie spielten Trompete, Posaune, Pauke sowie Orgel oder Pandura (lautenähnliches Instrument).

Musik wurde jetzt auch noch in einem anderen Zusammenhang wichtig, nämlich bei den "Endjahresspielen" oder Komödien, die jedes Jahr von den Studenten des Franziskaner-Gymnasiums aufgeführt wurden und zu denen offenbar musiziert wurde. Leider sind die Noten dazu verlorengegangen, aber anhand einer erhaltenen Notiz über eine hohe Entlohnung für die "Musik-Composition" kann man auf deren hohen Stellenwert schließen. Ort dieser Spiele war übrigens die "Schmalzgrube" (das heutige Schwörhaus). Die Gmünder liebten offenbar solche Darbietungen, denn alljährich fanden in der Karwoche auf dem Platz vor der Pfarrkirche die Passionsspiele statt. Auch sie wurden von Musik begleitet.

Die vielfältigen musikalischen Aufgaben konnten nur erfüllt werden, wenn man für die Ausbildung der Jugend sorgte. Diesbezüglich ist eine Bestimmung des Rates von 1745 interessant, nach der von dem Magister und dem Kantor verlangt wird, "die armen Knaben in der Music gratis zu instruieren". Der Magister sollte die Jugend von 10 - 11 Uhr und 12 - 1 Uhr (täglich?) "singen und geygen(!) lehren", der Kantor neben dem Chordienst lateinisch unterrichten und von 10 - 11 Uhr den Choral "instruieren".

Das bedeutet, daß seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts planmäßiger Musikunterricht stattfand ,daß also einerseits dem Rat der Stadt daran gelegen war, er aber andererseits kein Geld dafür ausgeben wollte. Erst 30 Jahre später sah man wohl ein, daß solch ein nebenamtlicher Unterricht zu keinem Ziel führte. Nun sollte ein fähiger Musiklehrer die Ausbildung übernehmen und ein ausreichendes Gehalt dafür bekommen.

Aufgrund dieses Beschlusses wurde 1780 eine "Sing- und Geigschul" eröffnet, in der Knaben und erstmals auch Mädchen im Schulhaus gratis Unterricht erhielten. Erster Lehrer und Leiter dieser "städtischen Musikschule" war der Stadtorganist Joseph Ottner. 1794 wurde die Musikschule zusammen mit der "Zeichnungsschule" (später Gewerbeschule) in das Schmidhaus (das ehemalige Waisenhaus) verlegt.

Die nachfolgenden Leiter der Musikschule waren bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Organisten oder Chordirigenten der Pfarrkirche bzw. des Münsters. Noch 1868 gehörte es offenbar zu den Aufgaben des damals neuen Chordirektors, wöchentlich mindestens sechs Knaben an der Musikschule acht bis zehn Stunden in Gesang und Violine zu unterrichten. Im Oberamtsbuch von 1870 wird allerdings keine Musikschule erwähnt.

Die weltliche Musik, die hauptsächlich von den Stadtmusikanten getragen wurde, entwickelte im 18.Jahrhundert immer mehr Selbständigkeit neben der Kirchenmusik. Die Stadtmusikanten organisierten sich am Ende des Jahrhunderts in zwei "Stadtmusikantengesellschaften". Dort waren neben Blasinstrumenten Geige, Streichbaß und Harfe vertreten. Man spielte ohne große künstlerische Ambitionen Tanz- ,Tafel- und Freiluftmusik und gab Unterricht "zu Tractieren der blaßenden Instrumenten". In Gmünd fanden seit der Mitte des 18. Jahrhunderts Theateraufführungen und Konzerte in der Schmalzgrube statt. 1802 führte man ein Singspiel und eine Oper auf. Auch fremde Künstler traten auf.

Als 1803 die freie Reichsstadt Schwäbisch Gmünd dem Herzogtum Württemberg einverleibt worden war, ergaben sich einschneidende Änderungen für die Stadt. Die Klöster wurden aufgelöst, kirchliche Aktivitäten eingeschränkt, die Passionsspiele verboten. Volksschulen und andere "Anstalten" wurden neu gegründet. Für die Musikausbildung ist die Gründung des Lehrerseminars von Bedeutung. Lehrer mußten damals an ihren Dienstorten zugleich das Organisten- und das Dirigentenamt ausüben. Andererseits war der Münsterchordirigent zugleich für die Musikausbildung am Seminar verantwortlich. In einer Neuordnung der Kirchenmusik am Münster von 1824 wurden neue Ziele verfolgt : Der "Volksgesang" (Choräle) sollte verbessert werden und die "Figuralmusik" ebenfalls. Es war also folgerichtig, daß man für eine gute Musikausbildung am Seminar sorgte. Die zukünftigen Lehrer sollten ihren Schülern Gesangsunterricht erteilen können. Sie selbst sollten mehrere Instrumente spielen können, in jedem Fall aber die Orgel.

Die Kirchenmusik am Münster steckte zu Anfang des 19. Jahrhunderts - zum Teil aus Geldmangel - in einer Krise. Deshalb bemühte sich der damalige Chordirigent, ein gutes Orchester aufzustellen. Er war dabei auf billige sogenannte "Dilettanten" angewiesen, die zusammen mit Berufsmusikern ein großes Orchester bilden sollten. Diese "Dilettanten" holte er sich aus dem Seminar, aus der Musikschule und der Lateinschule. Die Berufsmusiker waren z. T. an der Kirche angestellt, z. T. kamen sie aus der Militärkapelle der Gmünder Garnison. So konnten in den folgenden Jahren große Werke im Münster aufgeführt werden, z. B. die C- Dur-Messe von Beethoven im Jahr 1844.

Die Musikausbildung am Seminar muß wohl gut gewesen sein, denn die Chordirigenten am Münster waren bis ins 20. Jahrhundert meistens Absolventen dieser Anstalt. Der Münsterchordirigent war lange Zeit eine zentrale Person für die Musikausbildung in Gmünd: Er unterrichtete außer am Seminar an der Musikschule, am Gymnasium, hatte häufig viele private Klavierschüler, überwachte den Musikunterricht an den Volksschulen, probte regelmäßig mit seinem Orchester und gab den Instrumentalisten Unterricht.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts trennte sich die profane Musik endgültig von der sakralen. Es entstanden Gesang- und Musikvereine sowie Kirchenchöre, z.B. auch an der Augustinuskirche, die nun der neuen evangelischen Gemeinde gehörte. Gegen Ende des Jahrhunderts hatte der Musikunterricht an den Schulen nicht mehr den Zweck, Sänger für den Kirchendienst auszubilden, sondern selbständige Inhalte zu vermitteln. Er wurde nicht mehr von der Kirchen- und Schulpflege, sondern von der Stadtpflege bezahlt. Im Lehrplan stand jetzt: Singen, Intervalle hören,... Kunstlied, Arien.

1935 ging eine weitere Tradition zu Ende: Die Besoldung der Chorsänger am Münster wurde eingestellt und das Orchester aufgelöst. Seitdem erst singen hier alle Chorsänger ehrenamtlich.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich die Musikausbildung nicht entscheidend verändert. Wer ein Instrument oder Gesang lernen wollte, ging entweder in einen der Vereine oder nahm Privatunterricht bei einem der Musiker, Organisten, Kantoren oder Lehrer, die in der Regel in Gmünd ausgebildet worden waren. Bis zum zweiten Weltkrieg waren die traditionsbewußten Gmünder in Bezug auf Musiker offenbar weitgehend autark.

Wer heute Musik unterrichten will, studiert meistens auswärts an einer Musikhochschule. Auch die Kirchenmusiker an Münster und Augustinuskirche sind seit 1952 Absolventen einer Musikhochschule . Die Schulmusik ist- vor allem seit 1945 - viel umfangreicher und wissenschaftlicher geworden. Mit dem Fach "Singen" hat sie kaum noch etwas zu tun.

Seit den fünfziger Jahren wurden in der Bundesrepublik Musikschulen gegründet, um einem möglichst großen Schülerkreis eine gute Ausbildung anzubieten. Diese kann leider nicht mehr gratis sein wie 1780, doch auch damals haben die Schüler eine Gegenleistung erbracht, nämlich den Dienst in der Kirche.

Blicken wir noch einmal auf 700 Jahre Musikunterricht zurück, so können wir bis etwa zum 19. Jahrhundert zwei Bereiche verfolgen:

1. Die Ausbildung zur Kirchenmusik, die in der Lateinschule begann, sich zuerst auf einstimmigen, dann auch zweistimmigen Choralgesang beschränkte, später Instrumentalmusik und Theorie dazunahm, die fortgesetzt wurde in der "Musik und Geigschul" und im Lehrerseminar, dann in allgemeinbildenden Schulen, in denen wieder vor allem Singen gelehrt wurde.

2. Die weltliche Gesangs- und Instrumentalausbildung, die seit dem Mittelalter in Form einer Lehre oder im Privatunterricht stattfand.

Heute können Kinder an den öffentlichen Musikschulen eine Grundausbildung erhalten, die an den allgemeinbildenden Schulen so nicht mehr möglich ist. Über die Grundausbildung hinaus bieten die Musikschulen je nach Begabung und Interesse weitergehende Angebote an, die in Einzelfällen sogar bis zu einer studienvorbereitenden Qualifizierung gehen können. Eine Reihe von Musikern, die in den letzten Jahren in der Musikschule ihre Grundlagen erhielten, sind mittlerweile erfolgreiche Berufsmusiker geworden.

Ulrike Menzel

 

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