Die Stadt Schwäbisch Gmünd ehrt mit dem Preis der Europäischen Kirchenmusik jährlich hochrangige Interpreten und Komponisten für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Geistlichen Musik. Der Preis ist mit 5.000 € dotiert und ist der bedeutendste Kulturpreis, den die Stadt Schwäbisch Gmünd vergibt. Der Vorschlag des Preisträgers obliegt dem Direktorium des Festivals, das die Entscheidung jeweils zu Jahresbeginn veröffentlicht. Der Preis wird seit dem Jahr 1999 jährlich bei einem Preisträgerkonzert im Festival vom Oberbürgermeister der Stadt Schwäbisch Gmünd verliehen.
Marcus Creed gehört zu den weltweit profiliertesten Chordirigenten und wurde für seine ausdrucksstarken Aufführungen vielfach ausgezeichnet. Für seine herausragenden, stilverpflichteten Interpretationen geistlicher Musik verleiht ihm die Stadt Schwäbisch Gmünd den Preis der Europäischen Kirchenmusik 2010. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis wird während des Festivals Europäische Kirchenmusik am Mittwoch, 21. Juli, um 20 Uhr im Heilig-Kreuz-Münster durch Oberbürgermeister Richard Arnold verliehen. Die Laudatio hält Professor Dr. Clytus Gottwald. Vor der Preisverleihung dirigiert Marcus Creed ein Konzert des SWR Vokalensembles Stuttgart, dessen Chefdirigent er seit 2003 ist. Auf dem Programm stehen Werke von Bach, Mahler, Barber und Sandström.
Die Stadt Schwäbisch Gmünd verleiht den Preis der Europäischen Kirchenmusik seit 1999 zum zwölften Mal. Die Auszeichnung ehrt hochrangige Interpreten und Komponisten für wegweisende Leistungen im Bereich der geistlichen Musik. Den Preis erhielten bisher die Komponisten Dieter Schnebel, Petr Eben, Krzysztof Penderecki, Arvo Pärt, Klaus Huber und Sofia Gubaidulina. Weitere Preisträger waren der Kammersänger Peter Schreier, der Stockholmer Chordirigent Eric Ericson, der französische Organist Daniel Roth sowie die Stuttgarter Dirigenten Frieder Bernius und Helmuth Rilling.
„Als Musiker ist für mich ‚vokal’ oder ‚instrumental’ kein Gegensatz: Für mich ist die menschliche Stimme auch ein Instrument. In meiner Arbeit verlange ich von Chören häufig, ‚instrumental’ zu singen, und von Orchestern umgekehrt, dass sie ‚atmen’ und gewissermaßen ‚vokale’ Phrasen gestalten können“, lautet das Credo von Marcus Creed, für den die Vokalmusik etwas Besonderes darstellt. Sprache und Text sieht er als eigene Gestaltungselemente, die zusammen mit der Musik unendliche Ausdrucksspektren bieten. Marcus Creed geht es darum, den charakteristischen Klang eines jeden Komponisten und Stils herauszuarbeiten. Daran arbeitet er hart – und man ist geneigt zu sagen: mit Demut, wenn man Creed einmal bei der Probenarbeit und im Gespräch erlebt hat. Das Spektakuläre liegt ihm fern. Seine Suche gilt der Klangschönheit, nicht dem Klangdesign.
Seit 2003 ist Marcus Creed künstlerischer Leiter des SWR Vokalensembles Stuttgart. Creeds besonderes Anliegen mit diesem Ensemble gilt der Wiederaufführung herausragender Kompositionen der jüngsten Vergangenheit, darunter Werke von György Ligeti, Luigi Nono, György Kurtág, Wolfgang Rihm oder Heinz Holliger. Mit Creeds außergewöhnlichen Programmen hat sich das SWR Vokalensemble Stuttgart an der internationalen Spitze etabliert. Seine beharrliche Arbeit am Klang lobt die Kritik als „überirdisch schwebend“ und „sensationell“. Die Studioproduktionen des SWR Vokalensembles Stuttgart erscheinen zu einem großen Teil auf CD und werden regelmäßig mit internationalen Preisen ausgezeichnet: Dazu zählen unter anderem der „Grand Prix du Disque“, der „Midem Classical Award“ und der „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“, den das Ensemble in den vergangenen Jahren vier Mal in Folge erhielt. Zuletzt wurde das SWR Vokalensemble Stuttgart im Jahr 2009 für die CD mit geistlichen Chorwerken von Anton Bruckner als „Ensemble des Jahres“ mit dem „Echo Klassik“ ausgezeichnet.
Marcus Creed ist 1951 in Eastbourne an der Südküste Englands geboren und aufgewachsen. Er begann sein Studium am King’s College in Cambridge, wo er im berühmten King’s College Choir sang. Weitere Studien führten ihn an die Christ Church in Oxford und die Guildhall School in London. 1977 siedelte Creed nach Berlin über. Stationen seiner Arbeit waren die Deutsche Oper Berlin (als Repetitor und ab 1984 als Chordirektor), die Hochschule der Künste (als Dozent im Bereich Lied) sowie die Gruppe Neue Musik und das Scharoun Ensemble (als Pianist und Dirigent). Von 1987 bis 2001 war Creed künstlerischer Leiter des RIAS-Kammerchores, den er binnen weniger Jahre in die Weltspitze führte. Insbesondere seine A-cappella-Interpretationen der Romantik und der Moderne setzten Maßstäbe. Zu den Höhepunkten seiner Zusammenarbeit mit dem RIAS-Kammerchor gehörte der Aufführungszyklus der Oratorien Georg Friedrich Händels, mit dem er und das Ensemble Weltruf erlangten. 1998 folgte Marcus Creed einem Ruf auf eine Professur für Chordirigieren an der Musikhochschule Köln.
Neben der Leitung internationaler Profichöre ist für Creed die Zusammenarbeit mit der Akademie für Alte Musik Berlin, dem Freiburger Barockorchester und Concerto Köln wesentlicher Bestandteil seiner weiteren Konzerttätigkeit. Creed ist regelmäßiger Gast bei renommierten internationalen Festivals der Alten und Neuen Musik.
Die russische Komponistin Sofia Gubaidulina erhielt 2009 den Preis der Europäischen Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd. Die Stadt Schwäbisch Gmünd ehrt damit Sofia Gubaidulina für ihre hochrangigen und ausdrucksstarken Beiträge zur Geistlichen Musik. Mit ihrem kompositorischen Schaffen, das durch intensive Expressivität, Spiritualität und zutiefst persönliche Ausdrucksweise berührt, hat sie der Geistlichen Musik jenseits alltäglichen Zeiterlebens neue Horizonte eröffnet. Oberbürgermeister Wolfgang Leidig übergab den Preis während des Festivals am 21. Juli. Die Laudatio hielt Hans-Ulrich Duffek, Hamburg. Vor der Preisverleihung erklangen Werke Gubaidulinas, u.a. der „Sonnengesang“ für Violoncello, Kammerchor und Schlagzeug (1997) mit dem Latvian Radio Choir unter Leitung von Sigvards Klava mit Ramon Jaffé als Solisten.
Sofia Gubaidulina wurde am 24. Oktober 1931 in Tschistopol (Republik Tatarstan) geboren und lebt seit 1992 in der Nähe von Hamburg. Sie studierte Klavier und Komposition in Kasan. Bis 1959 setzte sie ihr Kompositionsstudium bei Nikolai Pejko, einem Assistenten von Dmitri Schostakowitsch, am Moskauer Konservatorium fort. Aufgrund ihres unabhängigen Geistes und ihrer Weigerung, eine Musik zu schreiben, die den ästhetischen Richtlinien der sowjetischen Kulturfunktionäre entsprach, litt Sofia Gubaidulina seit Mitte der 1960er Jahre unter ideologischen Anfeindungen. 1975 gründete sie gemeinsam mit anderen Komponisten die Gruppe „Astraea“, die auf seltenen Instrumenten der russischen Volksmusik improvisierte und so zu neuen musikalischen Erfahrungen gelangte, was ihr Schaffen wesentlich beeinflusste. Seit Beginn der achtziger Jahre gelangten ihre Werke rasch in die westlichen Konzertprogramme. Ihr Erfolg im Westen wurde vor allem von Gidon Kremer unterstützt, der ihr Violinkonzert „Offertorium“ 1981 uraufführte. Seit über zwei Jahrzehnten gehört Sofia Gubaidulina, zusammen mit Alfred Schnittke und Edison Denissow, zu den führenden, weltweit anerkannten Komponisten Russlands der Ära nach Schostakowitsch.

Helmuth Rilling, Dirigent und Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart, erhielt den Preis der Europäischen Kirchenmusik 2008. Die Stadt Schwäbisch Gmünd ehrt KMD Prof. D. Dr. h.c. mult. Helmuth Rilling für sein Engagement um die Interpretation, Vermittlung und Förderung geistlicher Musik. Der mit 5000 Euro dotierte Preis wurde am 19. Juli im Heilig-Kreuz-Münster von Oberbürgermeister Wolfgang Leidig überreicht. Die Laudatio hielt Prof. Dr. Martin Petzoldt, Leipzig.
Helmuth Rilling ist dem Festival Europäische Kirchenmusik Schwäbisch Gmünd seit Anbeginn verbunden. Er gastierte beim Festival mit der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart in diesem Jahr zum sechsten Mal und ist zudem seit 1989 Mitglied des Festival-Kuratoriums.
„Musik darf nie bequem sein, nicht museal, nicht beschwichtigend. Sie muss aufrütteln, die Menschen persönlich erreichen, sie zum Nachdenken bringen.“ Diese Worte beschreiben das Leitbild Helmuth Rillings. Mit Kompetenz und Charisma, mit Überzeugungskraft und Begeisterung macht Rilling geistliche Musik neu erlebbar, insbesondere und vorbildlich in seinen viel gerühmten Gesprächskonzerten. Mit dem Namen Helmuth Rilling verbindet sich die Gründung und künstlerische Leitung der Bachakademie Stuttgart und ihrer Ensembles sowie die Pflege und beeindruckende Interpretation der Musik Johann Sebastian Bachs in der ganzen Welt. Darüber hinaus trug Rilling auch entscheidend zur Wiederentdeckung der romantischen Chormusik bei. Durch regelmäßige Kompositionsaufträge fördert er zudem die zeitgenössische Musik.

Der Schweizer Komponist Klaus Huber erhielt für seine herausragenden Verdienste und sein progressives Engagement um Komposition und Lehre zeitgenössischer Musik den Preis der Europäischen Kirchenmusik 2007. Der Preis wurde dem Komponisten anlässlich der deutschen Erstaufführung seines Werkes „Miserere hominibus“ am 21. Juli verliehen. Klaus Huber ist einer der wenigen Komponisten seiner Generation, die sich auf dem Feld der geistlichen Musik herausfordern lassen. Seine Musik rührt an existenzielle Fragestellungen, nutzt Mittel der abendländischen wie außereuropäischen Musiktraditionen und erreicht eine politische Bedeutsamkeit, wie sie selten zu finden ist. Sowohl mit seinem Werk als auch in der Lehre ist Huber äußerst einflussreich auf die nachfolgende Generation.

Für seine Maßstäbe setzenden Interpretationen der europäischen Orgelliteratur und seine Improvisationskunst verlieh die Stadt Schwäbisch Gmünd dem Pariser Organisten Daniel Roth den Preis der Europäischen Kirchenmusik 2006. Oberbürgermeister Wolfgang Leidig überreichte den Preis am 29. Juli im Anschluss an Daniel Roths Festkonzert. Prof. Peter Reifenberg (Mainz) würdigte in seiner sehr persönlich gefärbten und bewegenden Laudatio Daniel Roth als „organiste honnête“, der sich nach dem Vorbild Widors „von jedem falschen Virtuosentum abgrenzt“. „Compassion“ sei für Roth „das Schlüsselwort zur Gestaltung großer Orgelmusik“.





Preisträger waren im Zeitraum 1999-2005 die Komponisten Dieter Schnebel (1999), Petr Eben (2001), Krzysztof Penderecki (2003) und Arvo Pärt (2005), der Kammersänger Peter Schreier (2000), der Stockholmer Chordirigent Eric Ericson (2002) und der Stuttgarter Dirigent Frieder Bernius (2004).
Der Komponist Petr Eben ist am 24.10.2007 in Prag verstorben. Ein Nachruf erschien u.a. in der Zeitschrift Musica Sacra (6/2007).


„Tradition und Fortschritt gelten gewöhnlich als Gegenbegriffe. Das Traditionelle ist das, was sich abgesetzt und verfestigt hat - was alt geworden ist. Das Fortschrittliche dagegen ist das Vorangehende, „Progressive" - also was sich bewegt, in seiner Bewegung auch überrascht, und zum Neuen führt.
Allerdings sind die beiden Begriffe doch mehr ineinander verwickelt, als es zunächst scheint. (...) Hier sei auf einen theologischen Begriff von Tradition verwiesen, und zwar auf den der altjüdischen und auch der frühchristlichen Theologie. Da bedeutete Tradition: Empfangen und Weitergeben. Also geht es einmal darum, das Überkommene aufzunehmen, anzunehmen, seine Gehalte verinnerlichend zu bewahren, zum anderen aber darum, dieses Überkommene weiterzuführen, anderen zu übertragen und übersetzen - was zugleich ein Überschreiten beinhaltet: nicht bei dem stehenbleiben was ist, sondern es aufheben als ein Lebendiges und es grenzüberschreitend weiterreichen. Das bedeutet, das Überkommene eben nicht als Sedimentiertes, sondern als Potential zu sehen, und dafür zu sorgen, daß die ihm innewohnende Kraft wirksam zu werden vermag.“ (Dieter Schnebel)