Neidhart Melancholicus
Künstler: Dietrich Klinge
Standort: Johannisplatz, vor dem Prediger
Der Künstler
Dietrich Klinge arbeitet mit Holz. Große Stämme werden mit der Kettensäge bearbeitet, zu einer Figur zusammenmontiert und anschließend in Bronze gegossen. Am Ende des Arbeitsprozesses behandelt der Bildhauer die Oberfläche seiner Bronzen mit Farben, Säuren und Wachs, um ihnen zusätzlich eine individuelle "Haut" zu geben. Aus der Ferne wirken seine Figuren daher, als seien sie aus Holz. Die Maserung, Risse und Rinde vom Holz vermischen sich jedoch bei näherem Hinsehen mit den Spuren der Kettensäge und der geschlossenen Oberfläche der metallenen Bronze. Das Ergebnis sind archaisch anmutende, kraftvolle Urgestalten von beeindruckender Wirkung.
Der Bildhauer und Grafiker Dietrich Klinge wurde 1954 in Thüringen geboren, hat in Stuttgart studiert und lebt und arbeitet heut in Weidelbach bei Dinkelsbühl. Sein Schwerpunkt liegt auf der menschlichen Figur, geformt zu Köpfen, Reliefs und ganzen Figuren.
Die männliche Skulptur "Neidhart melancholicus" gehört zu den ersten fünf großen Figuren, die der Bildhauer für den öffentlichen Raum geschaffen hat. Sie waren erstmals im Jahre 2001 in der Galerieausstellung im Prediger zu sehen.
Die Figur
Der Name leitet sich von einem späten Mittelalter lebenden Minnesänger namens Neidhart von Reuental ab. Die Pose des "Melancholikers" verweist auf einen der insgesamt vier menschlichen Grundtypen der Antike. Die drei anderen sind der Sanguiniker, der Phlegmatiker und der Choleriker. In "Neidhart" vereinen sich Körper und Geist, Kraft und Idee zu einer Körperhaltung des Nachdenkens und der Melancholie.
Die ungewöhnliche Geste einer mächtigen und zugleich sensiblen männlichen Figur kennt die Kunstgeschichte einmal in der berühmten Figur des "Denkers" von Auguste Rodin (1890) und einmal in dem christlichen und seit dem Mittelalter geläufigen Motiv "Christus in der Rast" bzw. "Christus im Elend".
Der Standort
für "Neidhart" wurde ganz bewusst auf dem Johannisplatz ausgewählt: Mit dem Rücken zum Prediger, dem ehemaligen Dominikanerkloster und heutigen Haus der Kultur, und mit Blick auf die staufisch-romanische Johanniskirche, der ältesten noch erhaltenen in Gmünd. Kultur und Religion, Weltliches und Kirchliches - beides vereint "Neidhart" und gibt dem Platz damit einen unverwechselbaren Charakter.
Herausgeber: Museum im Prediger Schwäbisch Gmünd