Birgitta Weimer. Reconstructing Nature

9. Oktober – 29. November 2009

Schwäbisch Gmünd, 2012

Erinnert dieses zwei Meter durchmessende kugelförmige Gespinst aus roten durchsichtigen Schläuchen an makrohaft vergrößerte Gefäßstrukturen? Oder befinden wir uns hier schon mitten in der Welt der Halbleitertechnologie und ihrer Vernetzungen? Mit solchen Anspielungen weckt Birgitta Weimers raumgreifende Installation „Angiogenesis“ Bilder zur Biologie des Menschen, der vegetabilen Natur und der Technik – und sie führt, ja entführt den Betrachter geradezu eindringlich in die Werkschau „Reconstructing Nature“. Diese monumentale, raumgreifende Arbeit ist die bislang größte Arbeit im Werk der Künstlerin. Sie entstand eigens für den Gmünder Ausstellungsraum und lässt anklingen, worum es in der Kunst von Birgitta Weimer im Besonderen geht: Um die Verbindung des vermeintlichen Gegensatzes zwischen dem „Natürlichen“ und dem „Künstlichen“. Insgesamt dreizehn, großteils neue Arbeiten stellen das Werk der 53-jährigen Künstlerin vor.

Eröffnung
Die Ausstellung wird am Freitag, 9. Oktober, um 19 Uhr durch den Ersten Bürgermeister Dr. Joachim Bläse im Beisein der Künstlerin eröffnet. Zum Werk von Birgitta Weimer spricht Dr. Ulrike Lorenz, Direktorin der Kunsthalle Mannheim, zur Ausstellung Museumsleiterin Dr. Gabriele Holthuis.

Reconstructing Nature – Die Natur rekonstruieren
Im Mittelpunkt der Ausstellung, und die Galerie im Prediger großflächig einnehmend, steht die Installation „Angiogenesis“: Ein übermannsgroßer Kantenkubus aus schlanken Stahlrohren, den ein kugelförmiges Gespinst aus roten transluzenten Schläuchen von stabilisierenden Stahlstäben durchzieht, und dessen Ausläufer sich weit in verschiedene Richtungen des Raums erstrecken. Hinter einer Wand, die Birgitta Weimer als Objekt einbezieht und welche die Galerie in einen sichtbaren und unsichtbaren Teil trennt, verbirgt sich ein weitere Raumplastik: Die Arbeit „Rhizom“, die weitläufig an einen umgestülpten Wurzelteller und die Lebenskraft innerhalb der Natur erinnert. Dabei handelt es sich um eine quadratische Konstruktion, die ebenfalls von einem „System von Adern“ durchbohrt wird, diese geradezu in die Höhe drückt und mit ihren Ausläufern die Wand rückwärtig eindringt. In der gesamten Installation geht es um Verbinden und Trennen, um Durchdringen und Bündeln, um Hervorquellen und Bändigen, um Beweglichkeit und Starre, Erneuerung und Verwandlung als allgemeinem, der Natur, dem Menschen und der Technik inhärentem Prozess. Birgitta Weimer gibt damit aber nicht nur biologischen oder physikalischen Prozessen eine Form. Darüber hinaus thematisiert sie die Fragilität und mitunter auch zerstörerische Kraft natürlicher Prozesse und stellt die Frage nach deren Kontrollierbarkeit .

„Reconstructing Nature“ – das meint die Natur rekonstruieren. Mit diesem Ausstellungstitel beschreibt Birgitta Weimer zunächst einmal eine Tätigkeit, die bildende Künstler seit jeher ausüben. Darüber hinaus nimmt er aber auch Bezug darauf, dass der Mensch die vorgegebene, die „erste Natur“ längst selbst verändert und eine künstliche „zweite Natur“ geschaffen hat. Mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms und der sich damit bietenden Möglichkeit, organisches Leben künstlich zu generieren, zeichnet sich die Entstehung einer sogenannten „dritten Natur“ ab, deren Eigenschaften, Zustandsformen und Gefahren Wissenschaftler, Philosophen und Künstler heute intensiv reflektieren. Birgitta Weimer gehört mit ihrer Kunst zu denjenigen, die am Diskurs und am Erkenntnisprozess über diese Entwicklungen aktiv teilhaben. Dafür entwickelt sie in ihren Arbeiten eine ganz eigene Sprache der visuellen Analogien. Beispielhaft deutlich wird dies in der Werkgruppe „M-Space“ (2000), von der die Ausstellung zwei Arbeiten zeigt. Dabei handelt es sich um Wandobjekte in Form kubischer Stahlrahmen, die durchzogen sind von einem komplexen Gewebe roter und transparenter Schläuche. Die klaren und roten Vinyl-Schläuche lassen sofort an Adern erinnern, aber auch an die Schläuche von Transfusionsgeräten. Mit diesen Arbeiten bezieht sich die Künstlerin auf die M-Theorie, eine neue Weltformel, die die Quanten- und Relativitätstheorie vereinen will.

Kunst als interdisziplinäre Forschungsarbeit
Kunst und Wissenschaft – für die Bildhauerin Birgitta Weimer sind es gleichberechtigte Systeme, die die Wahrnehmung von Wirklichkeit definieren. Jede Erfindung, jede neue Theorie – sei es in der Kunst oder in der Wissenschaft – definiert für die Künstlerin die Grenzen zwischen Realität und Vision neu. Ihr Interesse gilt daher, wie sie es formuliert, „Ordnungssystemen, Mustern, Strukturen, Formeln, Codes der verschiedenen Wissenschaften, von der Kulturanthropologie bis hin zu den Life Sciences“. Dies macht verständlich, warum Birgitta Weimer ihre „Arbeit als intuitive Forschungsarbeit, sozusagen als Parallelforschung zum Geist unserer Zeit“ begreift, „den ich mit verschiedenen Wahrnehmungssystemen auch früherer Zeiten in analoge Verbindung setze.“

Dem Thema ihre Kunst nähert sich Birgitta Weimer mit einer reduzierten, aber zugleich sehr sinnlichen Formensprache. Ihre Arbeiten leben von den Kontrasten des Materials, der Form und der Farbe. Aus harten oder erstarrten Elementen wie Stahl, Kunstharz und Paraffin fertigt Birgitta Weimer geometrische Grundfiguren wie Quadrat, Rechteck oder Kreis, dreidimensional auftretend als Kubus und Zylinder. In Objekten und Installationen verbinden sich diese technoiden Körper und Räume mit weichen und biegsamen Bändern und Schläuchen aus Gummi und Kautschuk, aus Silikon, Vinyl und Polyurethan, zuweilen auch mit Flüssigkeit und farbigem Licht. Sind die geometrischen Körper meist in den Materialfarben Schwarz, Grau oder Weiß gehalten, erscheint im Gewebe der daraus hervorquellenden oder der als Verbindungselement dienenden Schläuche und Bänder oder auch als Farbe der Flüssigkeiten und des Lichts häufig ein kräftiges Rot. Aus der Ästhetik dieser Gegensätze heraus hat sich im vergangenen Jahrzehnt ein ebenso facettenreiches wie spannendes Œuvre entwickelt, das Anteil hat an aktuellen interdisziplinären Diskursen.

Biografie
Birgitta Weimer, die heute in Königswinter lebt und arbeitet, wurde 1956 in Gemünden am Main geboren. Nach einem Studium der Ethnologie und Anthropologie in Göttingen (1976–1979) studierte sie von 1983 bis 1988 Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg bei Sigmar Polke und Ulrich Rückriem. 1992 erhielt sie das begehrte Friedrich-Vordemberge-Stipendium der Stadt Köln. 1996 war sie Artist-in-Residence an der Loughborough University in Großbritannien. Birgitta Weimer unterrichtete an mehreren Universitäten und Kunsthochschulen, darunter mit Lehrauftrag an der University of Chicago und mit einer Professur an der Fachhochschule Darmstadt. Werke von Birgitta Weimer befinden sich in renommierten öffentlichen und privaten Sammlungen.

Erinnert dieses zwei Meter durchmessende kugelförmige Gespinst aus roten durchsichtigen Schläuchen an makrohaft vergrößerte Gefäßstrukturen? Oder befinden wir uns hier schon mitten in der Welt der Halbleitertechnologie und ihrer Vernetzungen? Mit solchen Anspielungen weckt Birgitta Weimers raumgreifende Installation „Angiogenesis“ Bilder zur Biologie des Menschen, der vegetabilen Natur und der Technik – und sie führt, ja entführt den Betrachter geradezu eindringlich in die Werkschau „Reconstructing Nature“. Diese monumentale, raumgreifende Arbeit ist die bislang größte Arbeit im Werk der Künstlerin. Sie entstand eigens für den Gmünder Ausstellungsraum und lässt anklingen, worum es in der Kunst von Birgitta Weimer im Besonderen geht: Um die Verbindung des vermeintlichen Gegensatzes zwischen dem „Natürlichen“ und dem „Künstlichen“. Insgesamt dreizehn, großteils neue Arbeiten stellen das Werk der 53-jährigen Künstlerin vor.

Eröffnung
Die Ausstellung wird am Freitag, 9. Oktober, um 19 Uhr durch den Ersten Bürgermeister Dr. Joachim Bläse im Beisein der Künstlerin eröffnet. Zum Werk von Birgitta Weimer spricht Dr. Ulrike Lorenz, Direktorin der Kunsthalle Mannheim, zur Ausstellung Museumsleiterin Dr. Gabriele Holthuis.

Reconstructing Nature – Die Natur rekonstruieren
Im Mittelpunkt der Ausstellung, und die Galerie im Prediger großflächig einnehmend, steht die Installation „Angiogenesis“: Ein übermannsgroßer Kantenkubus aus schlanken Stahlrohren, den ein kugelförmiges Gespinst aus roten transluzenten Schläuchen von stabilisierenden Stahlstäben durchzieht, und dessen Ausläufer sich weit in verschiedene Richtungen des Raums erstrecken. Hinter einer Wand, die Birgitta Weimer als Objekt einbezieht und welche die Galerie in einen sichtbaren und unsichtbaren Teil trennt, verbirgt sich ein weitere Raumplastik: Die Arbeit „Rhizom“, die weitläufig an einen umgestülpten Wurzelteller und die Lebenskraft innerhalb der Natur erinnert. Dabei handelt es sich um eine quadratische Konstruktion, die ebenfalls von einem „System von Adern“ durchbohrt wird, diese geradezu in die Höhe drückt und mit ihren Ausläufern die Wand rückwärtig eindringt. In der gesamten Installation geht es um Verbinden und Trennen, um Durchdringen und Bündeln, um Hervorquellen und Bändigen, um Beweglichkeit und Starre, Erneuerung und Verwandlung als allgemeinem, der Natur, dem Menschen und der Technik inhärentem Prozess. Birgitta Weimer gibt damit aber nicht nur biologischen oder physikalischen Prozessen eine Form. Darüber hinaus thematisiert sie die Fragilität und mitunter auch zerstörerische Kraft natürlicher Prozesse und stellt die Frage nach deren Kontrollierbarkeit .

„Reconstructing Nature“ – das meint die Natur rekonstruieren. Mit diesem Ausstellungstitel beschreibt Birgitta Weimer zunächst einmal eine Tätigkeit, die bildende Künstler seit jeher ausüben. Darüber hinaus nimmt er aber auch Bezug darauf, dass der Mensch die vorgegebene, die „erste Natur“ längst selbst verändert und eine künstliche „zweite Natur“ geschaffen hat. Mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms und der sich damit bietenden Möglichkeit, organisches Leben künstlich zu generieren, zeichnet sich die Entstehung einer sogenannten „dritten Natur“ ab, deren Eigenschaften, Zustandsformen und Gefahren Wissenschaftler, Philosophen und Künstler heute intensiv reflektieren. Birgitta Weimer gehört mit ihrer Kunst zu denjenigen, die am Diskurs und am Erkenntnisprozess über diese Entwicklungen aktiv teilhaben. Dafür entwickelt sie in ihren Arbeiten eine ganz eigene Sprache der visuellen Analogien. Beispielhaft deutlich wird dies in der Werkgruppe „M-Space“ (2000), von der die Ausstellung zwei Arbeiten zeigt. Dabei handelt es sich um Wandobjekte in Form kubischer Stahlrahmen, die durchzogen sind von einem komplexen Gewebe roter und transparenter Schläuche. Die klaren und roten Vinyl-Schläuche lassen sofort an Adern erinnern, aber auch an die Schläuche von Transfusionsgeräten. Mit diesen Arbeiten bezieht sich die Künstlerin auf die M-Theorie, eine neue Weltformel, die die Quanten- und Relativitätstheorie vereinen will.

Kunst als interdisziplinäre Forschungsarbeit
Kunst und Wissenschaft – für die Bildhauerin Birgitta Weimer sind es gleichberechtigte Systeme, die die Wahrnehmung von Wirklichkeit definieren. Jede Erfindung, jede neue Theorie – sei es in der Kunst oder in der Wissenschaft – definiert für die Künstlerin die Grenzen zwischen Realität und Vision neu. Ihr Interesse gilt daher, wie sie es formuliert, „Ordnungssystemen, Mustern, Strukturen, Formeln, Codes der verschiedenen Wissenschaften, von der Kulturanthropologie bis hin zu den Life Sciences“. Dies macht verständlich, warum Birgitta Weimer ihre „Arbeit als intuitive Forschungsarbeit, sozusagen als Parallelforschung zum Geist unserer Zeit“ begreift, „den ich mit verschiedenen Wahrnehmungssystemen auch früherer Zeiten in analoge Verbindung setze.“

Dem Thema ihre Kunst nähert sich Birgitta Weimer mit einer reduzierten, aber zugleich sehr sinnlichen Formensprache. Ihre Arbeiten leben von den Kontrasten des Materials, der Form und der Farbe. Aus harten oder erstarrten Elementen wie Stahl, Kunstharz und Paraffin fertigt Birgitta Weimer geometrische Grundfiguren wie Quadrat, Rechteck oder Kreis, dreidimensional auftretend als Kubus und Zylinder. In Objekten und Installationen verbinden sich diese technoiden Körper und Räume mit weichen und biegsamen Bändern und Schläuchen aus Gummi und Kautschuk, aus Silikon, Vinyl und Polyurethan, zuweilen auch mit Flüssigkeit und farbigem Licht. Sind die geometrischen Körper meist in den Materialfarben Schwarz, Grau oder Weiß gehalten, erscheint im Gewebe der daraus hervorquellenden oder der als Verbindungselement dienenden Schläuche und Bänder oder auch als Farbe der Flüssigkeiten und des Lichts häufig ein kräftiges Rot. Aus der Ästhetik dieser Gegensätze heraus hat sich im vergangenen Jahrzehnt ein ebenso facettenreiches wie spannendes Œuvre entwickelt, das Anteil hat an aktuellen interdisziplinären Diskursen.

Biografie
Birgitta Weimer, die heute in Königswinter lebt und arbeitet, wurde 1956 in Gemünden am Main geboren. Nach einem Studium der Ethnologie und Anthropologie in Göttingen (1976–1979) studierte sie von 1983 bis 1988 Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg bei Sigmar Polke und Ulrich Rückriem. 1992 erhielt sie das begehrte Friedrich-Vordemberge-Stipendium der Stadt Köln. 1996 war sie Artist-in-Residence an der Loughborough University in Großbritannien. Birgitta Weimer unterrichtete an mehreren Universitäten und Kunsthochschulen, darunter mit Lehrauftrag an der University of Chicago und mit einer Professur an der Fachhochschule Darmstadt. Werke von Birgitta Weimer befinden sich in renommierten öffentlichen und privaten Sammlungen. 

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