Wohnen

Mittwochabend kommt Fußball. Schnell wird gekocht und gegessen. Das Geschirr darf heute mal stehen bleiben, will man doch das wichtige Länderspiel nicht verpassen. Getränke und Chips stehen bereit für das Ereignis des Tages. Beim Anpfiff sind sie pünktlich zur Stelle. Anita, Ruben und Peter* verbringen gemeinsam einen Abend vor dem Fernseher.

Viele junge Erwachsene, die den Schritt ins selbstständige Leben und Wohnen wagen, suchen sich zuerst einmal Gleichgesinnte um eine Wohngemeinschaft zu gründen. Diese ersetzt in vielerlei Hinsicht die gewohnte Familie.
 
So auch Anita, Ruben und Peter*, sie haben sich zusammen getan, um gemeinsam eine Wohnung zu mieten, zusammen zu leben, den Alltag mit seinen Höhen und Tiefen zu meistern. Sie sprechen ab wer zum einkaufen geht, wer wann kocht, wer mit dem putzen dran ist und welche Unternehmungen man am Wochenende startet. Möchten sie ihre Ruhe haben, verziehen sie sich ins eigene Zimmer.

Wie in einer Familie geht es in dieser WG zu, jeder hat seine Aufgaben, man unterstützt sich gegenseitig, man streitet auch mal und manchmal geht man sich aus dem Weg.
Das etwas Besondere bei den dreien: alle drei haben eine Behinderung.

Nachdem sie lange Jahre in einem stationären Wohnangebot der Lebenshilfe gewohnt haben, wollten sie endlich selbstständiger und selbstbestimmter wohnen. Mit Hilfe der Lebenshilfe Schwäbisch Gmünd fanden sie ein kleines Reihenhaus in der Nähe ihres früheren Wohnheimes und zogen dort ein. Gute Kontakte zur Nachbarschaft und eine hohe Akzeptanz innerhalb der Gemeinde trugen mit bei zum Gelingen dieses Unternehmens.
Ambulant Betreutes Wohnen nennen Kosten- und Leistungsträger diese Form des Wohnens für Menschen mit Behinderung.

Das Rezept: Menschen mit Behinderung mieten sich eine eigene Wohnung und werden je nach eigenem Bedarf und Bedürfnis von pädagogischen Fachkräften aus der Behindertenhilfe stundenweise begleitet. Begleitet werden die Menschen nur dort, wo sie es auch wollen und brauchen, bei der Abwicklung von Geldgeschäften zum Beispiel, aber auch bei hauswirtschaftlichen Fragen wie kochen, putzen und Wäsche waschen.
Dann kommt der Betreuer halt mal am Abend, es wird gemeinsam Pasta gekocht und dazu eine leckere Flasche Chianti aufgemacht.

Und es kann genauso mal vorkommen, dass der Mensch mit Behinderung den Betreuer darauf hinweist, die Schuhe in der Wohnung auszuziehen.

Um den Alltagsdruck zu nehmen sind viele Gespräche zwischen Betreuern und Betreuten wichtig. Dazu gehören Unterhaltungen und Beratung über Befindlichkeit, Lebensumstände, soziale Beziehungen.

So selbstständig wie die drei jetzt leben und ihre eigene kleine Familie bilden, immer noch gehören sie dazu, zur Großfamilie der Lebenshilfe mit all den Vorzügen, die eine Familie bietet, wie soziale Beziehungen, Freizeitaktivitäten, Feste und Feiern.

In einer Zeit, in der der Familiebegriff so vielschichtig geworden ist, mit Bezeichnungen wie Patchworkfamilien, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Regenbogenfamilien, nichteheliche Lebensgemeinschaft, Seniorenwohngemeinschaften, bildet das Ambulant Betreute Wohnen für Menschen mit Behinderung eine weitere Facette zum Bereich Familie.


* Namen geändert