Schwäbisch Gmünd, 2016

Angela M. Flaig. Das Flüchtige ist das Ewige

13. Februar – 29. Mai 2016

Schwäbisch Gmünd, 2016

Angela M. Flaig, Weidenröschenkreis, 2015, Flugsamen, 75 x 75 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Schwäbisch Gmünd, 2016

Angela M. Flaig, Distelzylinder, 2008, Distelsamen, 43×34 cm. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Zarter können die Materialien kaum mehr sein, aus denen Angela M. Flaig ihre Werke schafft. Die Künstlerin sammelt, was der Wind sonst wegtragen würde: die Samen von Distel, Löwenzahn und Goldrute, von Waldrebe und Weidenröschen. Daraus fügt sie schlichte, geometrisch klare Objekte, die einerseits fragil, luftig-leicht und verletzlich wirken, andererseits aber auch einen streng geordneten, kompakten Kosmos bilden. Die Zartheit der flüchtigen Naturmaterialien entfaltet eine fast meditative Kraft und lyrische Schönheit, die vom 13. Februar bis 29. Mai in der Galerie im Prediger zu erleben ist. „Das Flüchtige ist das Ewige“ heißt die Werkschau, die für das Schaffen von Angela M. Flaig zentrale Werke der letzten 30 Jahre zeigt: von frühen Papier- über Samenarbeiten bis zu neuen Flugsamenobjekten.

Eröffnung
Die Ausstellung wird am Freitag, 12. Februar, um 19 Uhr vom Ersten Bürgermeister Dr. Joachim Bläse eröffnet. Die Künstlerin ist anwesend. Zu ihrem Werk spricht der ehemalige Direktor des Dommuseums Frankfurt am Main, Prof. Dr. August Heuser.

Unverwechselbare Formensprache
„Meine Arbeiten sind Ausdruck des Alltäglichen“ – so umschreibt Angela M. Flaig ihr künstlerisches Schaffen, das in der Kunst des deutschen Südwestens eine ebenso singuläre wie herausragende bildnerische Position einnimmt. Im Spannungsfeld von Kunst und Natur, von Minimal Art und Arte Povera zeichnet sich ihr Werk durch eine unverwechselbare Formensprache aus. Seit gut vier Jahrzehnten geht die Künstlerin auf Spurensuche und erkundet in immer wieder neuen Werkphasen ihr großes Thema: die Spuren des Lebens, solche des Menschen wie der Natur – „das Wachsen und Verändern, Werden und Vergehen“, wie sie selbst sagt.
Angela M. Flaigs erste Arbeiten entstehen Mitte der 1970er Jahre: „Faltungen“, „Faltspuren“ und „Rostspuren“ heißen die Werkreihen mit den Spuren von Asche, Kohlepapier und Rost auf weichem Vliespapier. Von Beginn an arbeitet sie nach dem Prinzip der Serialität, die Wiederholung eines Themas bei minimaler Variation, das sie bis heute fortführt. In den achtziger Jahren beginnt die Künstlerin mit Naturmaterialien zu arbeiten. In diese Zeit fallen die Werke mit Reibespuren von Steinen und Obstkernen auf Kohlepapier und von Sand auf Büttenpapier. In den frühen 1990er Jahren entdeckt Angela M. Flaig organische Materialien und beginnt mit Pflanzen zu arbeiten. Werkgruppen mit Keimlingen entstehen. Seit Mitte der neunziger Jahre schließlich halten Samen als zentrales Arbeitsmaterial Einzug in ihr Schaffen: die Samen von Löwenzahn, Weidenröschen und Disteln aller Art, von Goldrute und Waldrebe, teilweise auch die winzigen Nacktsamen von Kiefern, die sie auf langen Spaziergängen in die Natur sammelt und dann bearbeitet; es ist eine Arbeit in und mit den Zyklen und Prozessen der Natur. Die feingliedrigen, äußerst fragilen Samen arrangiert sie nach streng geometrischen Mustern in Reliefs oder verdichtet sie in unendlicher Geduld in schlichten gegenständlichen Formen, etwa in Schalen, Halbkugeln, Kegeln, Pyramiden und Säulen.

Symbiose des Natur- mit dem Kunstschönen
Angela M. Flaigs Naturmaterialien, ihre künstlerischen Methoden und klaren Formen sind von großer Einfachheit, Anmut und konzentrierter Ruhe. Durch minimale gestalterische Eingriffe, durch wenige, ausgewählte Materialien und eine klare Formensprache erschafft die Künstlerin stille und zurückhaltende Werke, die auf jegliche expressive Effekthascherei verzichten und zur Kontemplation einladen. In sich ganz organische Natur, gehorchen die Arbeiten einem künstlerischen Ordnungswillen, der zu einer Symbiose des Natur- mit dem Kunstschönen führt. Auf diese Weise bringt die Künstlerin Polaritäten zum Ausgleich: zwischen flüchtigem Leben und konstruierter Geometrie, zwischen Rationalität und Gefühl, zwischen Zucht und Freiheit. Neben der Polarität von Natur- und Kunstform stehen die Arbeiten Angela M. Flaigs in einem weiteren Spannungsfeld: der großen Verlockung, sie zu berühren einerseits, und der schützenden Distanz, die sie notwendig beanspruchen andererseits, denn schließlich könnte die geringste Berührung das Kunstwerk zerstören. Ergänzend zu dieser physischen Distanz fordern die Arbeiten Stille und Ruhe ein.

Metaphern für schöpferische Variationskraft der Natur
In allen Werken Angela M. Flaigs spielen Zeit und Vergänglichkeit eine zentrale Rolle. Die floralen Lebensspuren, die sie aus ihrem natürlichen Umfeld löst und als „Naturspolien" in künstliche Strukturen einbindet, lenken den Bick auf die unscheinbaren Mikrostrukturen der Natur und vermitteln eine direkte, unmittelbare Schönheit. Es ist eine Schönheit, die innehalten, anders atmen und eine andere Zeitlichkeit spüren lässt: die, dass das Vergängliche das Ewige ist und das Ewige nur im Flüchtigen zu ergreifen ist. Die Empfindlichkeit und der vergängliche Charakter der Arbeiten erzeugt eine besondere Atmosphäre der Konzentration. Aus dieser erwächst eine sensible Faszination für die Geheimnisse des Seins ebenso wie für die schlichte Schönheit der Natur. Selbst zeitlich, sind die Werke von Angela M. Flaig beredte Metaphern für die schöpferische Variationskraft und Zeitlosigkeit der Natur.

Zur Künstlerin
Angela M. Flaig, 1948 in Schramberg geboren, hat in Rottweil Pädagogik studiert und nahm viele Jahre einen Lehrauftrag wahr. Seit 1975 arbeitete sie künstlerisch und stellt im In- und Ausland aus. Zahlreiche Werke finden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen. Angela M. Flaig lebt in Rottweil-Hausen zusammen mit ihrem Mann, dem Künstler Josef Bücheler.

Öffnungszeiten
Di, Mi, Fr 14 -17, Do 14 -19, Sa, So, Feiertage 11-17 Uhr. Montags geschlossen.

Begleitprogramm
Führung: Donnerstag, 17.3., 18 Uhr
Künstlergespräch: Sonntag, 17.4., 15 Uhr
Blaue Stunde: Donnerstag, 28.4., 18 Uhr

Für Kinder und Jugendliche
Kids-Club für 5- bis 10-Jährige: Distel wird Kunst, Samstag, 30.4., 11 Uhr

Adresse
Galerie im Prediger, Johannisplatz 3, 73525 Schwäbisch Gmünd, Telefon: 07171 603-4130, Internet: www.museum-galerie-fabrik.de.

Link
Website Angela M. Flaig

 

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