Schwäbisch Gmünd, 2014

Peter Rösel. 306,05 m/sec

2. Mai – 31. August 2014

Schwäbisch Gmünd, 2014
Schwäbisch Gmünd, 2014
Schwäbisch Gmünd, 2014
Schwäbisch Gmünd, 2014
Schwäbisch Gmünd, 2014

Ein Geigenkoffer liegt aufgeklappt auf dem Boden. Sein Inneres offenbart ganz unverstellt, was in ihm Platz findet und sich offen im Raum verteilt: ein kleiner Mikroprozessor; dazu Kabel, die mit zehn orangefarbenen Tischtennisbällen verbunden sind, die den Boden des Galerieraums in einer Geraden von 30,6 Metern und in Ost-West-Richtung ausgerichtet durchziehen; in den Tischtennisbällen verborgene LED-Lampen leuchten in regelmäßigen Abständen so hintereinander auf, dass der Lichtimpuls den Raum mit der einer Geschwindigkeit von 306,05 m pro Sekunde durchquert.
Mit diesen wenigen Mitteln setzt Peter Rösel in der Galerie im Prediger etwas Monumentales in Szene: die der menschlichen Vorstellungskraft sich entziehende gewaltige Geschwindigkeit, mit der jeder Galeriebesucher, fest auf der Erdoberfläche stehend, durch den Raum rast: mit 306,05 m/sec.
Mit der eigens für den Gmünder Galerieraum entstandenen Bodenarbeit führt der Künstler den Betrachter an Grenzen – an die Grenze unserer Vorstellungs- und die unserer Wahrnehmungskraft. Ein von Peter Rösel gefertigter Videofilm erläutert, wie die Geschwindigkeit der Erdrotation für einen Standort errechnet werden kann und das Funktionsprinzip der Installation. Besucher der Ausstellung können das Video mit dem Smartphone über ein QR-Code abrufen. Für Besucher dieser Seite ist der Film in der rechten Seitenspalte hinterlegt.

Peter Rösel, seit 2007 Professor an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, gehört zu den profiliertesten Vertretern des gegenwärtigen Kunstgeschehens. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland präsentierten bislang sein Schaffen, für das er mehrfach ausgezeichnet wurde: darunter der Kahnweilerpreis der Stadt Rockenhausen (1997), der Purrmann-Preis der Stadt Speyer (2003), der Pfalzpreis für Bildende Kunst (2006) und der Kulturförderpreises der Alexander Clavel-Stiftung in Riehen (2008).
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Eröffnung der Ausstellung
am Freitag, 2. Mai 2014, um 19 Uhr. Der Künstler ist anwesend.
Es sprechen:
Julius Mihm, Bürgermeister
Dr. Leonhard Emmerling, Kunsthistoriker, München
Dr. Monika Boosen, Museum und Galerie im Prediger

Natur – ein sozio-kulturelles Konstrukt
Ein Grundthema, das Peter Rösel in seinen seit 1991 entwickelten Skulpturen, Malereien und Videoinstallation immer wieder reflektiert, ist die Darstellung von Natur und das widersprüchliche Verhältnis des Menschen ihr gegenüber. Kontinuierlich vergegenwärtigen seine Arbeiten Kulturleistungen, Zivilisationsphänomene und technische Entwicklungen und umkreisen die Frage: Was ist ein Bild von Natur, was eine Repräsentation von Natur und was ist mit diesen Ebenen verbunden?

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird Peter Rösel durch seine Miniaturen in Öl, die er auf das bedruckte Blech vorgefundener, flachgewalzter und bereits von Rostspuren gezeichneter Getränkedosen malt: naturalistische Landschaften im Panoramaformat, mit denen Rösel teils biografisch verbunden ist („Landschaften“, 1992/93) und Seestücke mit einem auftauchenden Wal („Wale“, 1992/93). Das Motiv der Schönheit einer unberührten Landschaft, wie sie uns der weltweite Tourismus verheißt, und das Bild des uralten, mythenbeladenen Meeressäugers, einem Symbol für die bedrohte Natur schlechthin, konfrontiert der Künstler mit der schreiend bunten Belanglosigkeit einer ausgedienten Getränkedose, dem Inbegriff von Zivilisationsmüll.

1997 beginnt Peter Rösel seine Werkgruppe mit textilen Pflanzenskulpturen. Aus deutschen Polizeiuniformen fertigt er Pflanzen meist exotischer Natur, die er mal in einer großen Bodenskulptur als „Seerosenteich“ inszeniert (Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, 1998), mal als exklusive Gartenanlage (Mannheimer Kunstverein, 1998). Im Spannungsfeld zwischen Uniformierung und Individualität durchkreuzt Rösels Umwandlung der Polizeiuniformen deren normierende Geometrie und wendet sie ins Organische. Die textile Transformation echter Uniformen in gefälschte Pflanzen kehrt Inneres nach außen, spielt mit dem Widerspruch von Künstlichkeit und Natürlichkeit und wird zum Sinnbild für die Domestizierung ungezähmter Natur als dekoratives Element von Gängen in Behörden und Hallen großer Einkaufszentren.

1998 startet Peter Rösel das „Fata Morgana Painting Project“. Dazu reist er über mehrere Jahre hinweg immer wieder nach Namibia. In der Wüste beobachtet er Fata Morganen und malt – en plain air und in Öl auf Leinwand – Landschaften zwischen Trugbild und Wirklichkeit. Rösels Vorhaben, flüchtige Scheingebilde zu verewigen und Täuschungen trügerisch echt wiederzugeben, führt an Grenzen und deren Durchlässigkeit – zu jenen einer phantasierten und konstruierten Realität und jenen der malerischen Darstellbarkeit.

Durchgängig demonstrieren Peter Rösels Arbeiten, dass Natur an sich ein Kulturphänomen darstellt und es keine andere als die zivilisatorische Perspektive gibt, weder was die Sicht auf Natur noch die auf Zivilisation angeht. Seine Arbeiten konfrontieren uns mit unseren tradierten Vorstellungen von Natur und Natürlichkeit. Dabei behaupten sie nie Ursprünglichkeit oder Unverfälschtheit, sondern verweisen im Gegenteil darauf, in welchem Maße unser Bild von Natur das Ergebnis kultureller Prägungen und unsere Naturwahrnehmung ein sozio-kulturelles Konstrukt ist, etwas von Menschen Erdachtes und Gemachtes, also Veränderbares. Solchen formenden Kräften innezuwerden, darauf kommt es Peter Rösel besonders an.

Biografie
Peter Rösel, geboren 1966 in Rockenhausen, ist in Marokko und im Irak aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Von 1987 bis 1992 studierte er an der Hochschule für Bildende Künste Städelschule Frankfurt am Main bei den Professoren Thomas Bayrle und Raimer Jochims. 1992 folgte ein sechsmonatiger Studienaufenthalt in New York mit einem Studium an der Cooper Union. 1995 führte ihn ein Atelierstipendium der Hessischen Kulturstiftung nach New York.

Begleitprogramm
Zwei Führungen am Donnerstag, 12. Juni und 17. Juli, jeweils um 18 Uhr vertiefen die Werkschau. Für 6- bis 14-Jährige findet am Samstag, 26. Juli, um 11 Uhr der Kids-Club statt. Anmeldungen Telefon 07171 603-4130, Museum im Prediger.

Öffnungszeiten
Mo - Fr 14-17 Uhr, Do 14-19 Uhr, Sa, So, Feiertage 11-17 Uhr

Adresse/Informationen
Museum und Galerie im Prediger, Johannisplatz 3, 73525 Schwäbisch Gmünd, Telefon: 07171 603-4130, Internet: www.museum-galerie-fabrik.de.

 

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