10. Internationales Schattentheater Festival Schwäbisch Gmünd

9. bis 15. Oktober 2015

Schwäbisch Gmünd, 2016


Rückblick

Ein zehnjähriges Jubiläum ist für ein Theaterfestival an sich schon eine schöne Sache, zeigt es doch, dass sich das Festival etabliert hat und von den Besuchern angenommen wird. Wenn man sich allerdings klar macht, dass das Internationale Schattentheater Festival durch seinen dreijährigen Rhythmus nicht erst seit zehn Jahren, sondern bereits seit 1988 das Kulturleben der Stadt Schwäbisch Gmünd inspiriert, zeigt sich, dass es tatsächlich das älteste Gmünder Festival ist und dass die damaligen Verantwortlichen, Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster, der Gemeinderat und der Spiritus Rector und langjährige Leiter des Festivals, Rainer Reusch, eine vorausschauende und nachhaltige Entscheidung getroffen haben.

Weltweit gibt es kein Festival, das sich dem Genre Schattentheater mit dieser Exklusivität und einem so vielfältigen internationalen Programm widmet. Längst ist das Festival nicht nur zum Markenzeichen einer Stadt geworden: Für Theatergruppen und Schattentheater-Liebhabern auf der ganzen Welt ist Schwäbisch Gmünd Synonym für das zeitgenössische Schattentheater, für einen Ort, an dem diese Kunst mit großer Kompetenz und Leidenschaft eine Heimat gefunden hat und den es regelmäßig zu besuchen lohnt. Wunderbare Begegnungen von und mit Menschen und Künstlern aus aller Herren Länder hat es seither in unserer Stadt gegeben.

So auch beim Festival 2015. Theatergruppen aus Argentinien, Brasilien, den USA, Großbritannien, Italien, Polen, Portugal, der Schweiz, den Niederlanden und Deutschland waren zu Gast. Durch die Begegnung der Künstler bei früheren Festivals waren auch länderübergreifende Kooperationen entstanden, sodass außerdem Künstler aus Belgien, Frankreich und Spanien zum Festivalprogramm beitrugen.

Das Festivalprogramm war mit 31 geplanten Vorstellungen und fünf, oft mehrtägigen Workshop-Angeboten in den sieben Festivaltagen eh schon sehr eng getaktet. Durch das enorme Interesse von Schulklassen und Kindergartengruppen mussten allerdings zusätzlich noch sechs weitere Vorstellungen angeboten werden, um der Nachfrage gerecht zu werden. Vier der geplanten Vorstellungen fanden im Congress-Centrum Stadtgarten statt; die anderen in der Theaterwerkstatt, im Festsaal des Franziskaners und im Kulturzentrum Prediger, das auch wieder mit seinem Schattencafé der zentrale Ort des Festivals war. Dort fanden auch die Workshops sowie die beiden Ausstellungen statt.

Eröffnung unter freiem Himmel
Die Eröffnung fand dieses Jahr unter freiem Himmel statt: Die brasilianische Gruppe Quase Cinema projizierte die Schatten des Stückes mit dem Titel "Severinos Leben", der Lebensgeschichte eines jungen Mannes, der seine Heimat verlassen und in der Stadt sein Glück finden muss, direkt auf die Fassade der Johanniskirche und spielte dabei mit den wunderschönen Ornamenten und baulichen Eigenheiten dieses Gmünder Kunstwerks.

Zuvor schon hatte bei der offiziellen Eröffnung des Festivals durch Oberbürgermeister Richard Arnold im Kulturzentrum Prediger die argentinische Gruppe um den Künstler Alesandro Bustos Kostproben aus ihrer Produktion "Alice im Wunderland" gegeben. Das gesamte Werk war dann am Samstag im Congress-Centrum Stadtgarten zu sehen. Dieser Klassiker der Weltliteratur für Kinder und Erwachsene wurde mit bemerkenswerter Leichtigkeit, verspielt und zauberhaft dargeboten. Alle Facetten des zeitgenössischen Schattentheaters - vom tanzenden Körperschatten, über die Formen des Figurenspiels bis hin zur Sandmalerei - nutzend, war der argentinischen Gruppe eine zauberhafte Vorstellung gelungen, die vom Publikum begeistert gefeiert wurde.

Produktionen der Großmeister
Mit besonderem Interesse verfolgt das seit vielen Jahren treue Publikum bei jedem Festival die Produktion der Bühnen, die schon oftmals beim Festival gastierten, vor allem die Produktionen der "Großmeister" des Schattentheaters. Besonders die jeweils neuesten Produktionen der bedeutenden italienischen Gruppen Teatro d´Ombre Gioco Vita und Controluce Teatro d´Ombre stehen dabei im Mittelpunkt. Das Teatro Gioco Vita aus dem oberitalienischen Piacenza zeigte dieses Mal aber nicht wie sonst eine große Opernproduktion, sondern ein Werk, das erst zwei Tage zuvor Premiere in Frankreich hatte: die Bearbeitung der Erzählung "Der Ritter, den es nicht gab" von Italo Calvino. Die Suche nach der Identität des zeitgenössischen Menschen zwischen Realität und Schein, ist es, die den Regisseur Fabrizio Montecchi an dem Stück interessiert. Obwohl sprachlastiger als gewohnt, beeindruckte bei dieser Aufführung die Bildgewaltigkeit des Schattenspiels. Zum ersten Mal war das Teatro Gioco Vita auch mit einem Kinderstück "Ein Himmel für den kleinen Bären" vertreten. Was mit Schattenspiel möglich ist, zeigten diese beiden Inszenierungen in herausragender Form. Die Musik stand im Mittelpunkt anderer Inszenierungen im Festivalprogramm: das Controluce Teatro d´Ombre, ebenfalls aus Italien und regelmäßiger Gast beim Festival, hat sich dieses Mal mit einem Schweizer Musikensemble zusammengetan, der Gruppe Boulouris 5. Gemeinsam brachten sie mit viel Spielwitz und Humor die Geschichte von Gullivers Reise auf die Bühne, ein Thema, das wie geschaffen scheint für das Medium Schattentheater.

Musik als zentrales Bindeglied
In der Kooperation zwischen der Philharmonie Schwäbisch Gmünd und der TheaterFusion aus Berlin war auch die Musik das zentrale Bindeglied. Wie bringt man klassische Musik auf nachhaltige Weise einem jungen Publikum nahe? Dies war das Anliegen der Theatergruppe und sie haben dazu eine bestechende Antwort gefunden: Indem man den Text mit Bildern und einer Geschichte verbindet! Smetanas Moldau, dargeboten von der Philharmonie und Schülern der Musikschule, die das Werk in einem gemeinsamen Projekt seit Wochen geprobt hatten, wurde lebendig durch die Geschichte von Smetanas musikalischem Genius, der aus Versehen aus Smetanas Ohr heraus- und mitten in die Moldau hineinfällt, und der nun den langen Weg im Fluss bis nach Prag zurücklegen muss, um wieder zu "seinem" Komponisten zu gelangen, der dann seine Erlebnisse nur in Noten umsetzen muss. Mit bildreicher Phantasie und feinem Witz erzählt, wird diese Geschichte vermutlich vor allem den zahlreichen Kindern im ausverkauften Peter-Parler-Saal nachhaltig in Erinnerung bleiben und immer mit dem Musikstück verbunden sein.

Gestalterischer Reichtum
Aber auch die vielen kleineren Formate, die im Bereich Schattentheater sehr viel öfter gewählt werden, zeigten den gestalterischen Reichtum, der im Schattentheater möglich ist. Die Sandmalerei, die auf einem Lichttisch live entsteht und über eine Kamera auf die Leinwand projiziert wird, ist ein Mittel, dessen sich die Gmünder Künstler Rainer Reusch in seinem Schattentheater Sandkorn in der Produktion "... und Sara lachte" ebenso bedient wie der junge Sandkünstler Christian Kaiser vom Gmünder Verein Sandtogether, der dies in der Darbietung des Märchens "Der Mondbrunnen" zur Musik von Derek Bourgeois eindrucksvoll belegte. Sandmalerei war auch der Ausgangspunkt in der Inszenierung der portugiesischen Gruppe Lafontana - Formas Animadas, die aber in ihrer Konzeption darüber hinausgingen. Mit Gelenkfiguren, die der Tradition der indonesischen Wayang Kulit entstammen, und dem Einsatz neuer Computertechniken entstand ein Stück über die mythische Figur Prometheus, die zudem mit viel schauspielerischem Können dargeboten und mit ungeheurem Tempo und Witz gespickt war. Diese Inszenierung war exemplarisch für eine Fragestellung, die die Festivalwoche begleitete und die auch eigens in einer Podiumsdiskussion zum Thema gemacht wurde: Wie sehen die neuesten Entwicklungen im zeitgenössischen Schattentheater aus, vor allem unter dem Einfluss der neuen Medien und der technischen Möglichkeiten? Die wichtigsten Vertreter des zeitgenössischen Schattentheaters, Fabrizio Montecchi vom Teatro Gioco Vita, Alberto Jona vom Controluce Teatro d´Ombre, Norbert Götz vom Theater der Schatten aus Bamberg und die Künstler der oben erwähnten Gruppe Lafontana Marcelo Redondo und Luis Leite beschrieben die verschiedenen Positionen und Haltungen, die derzeit in diesem Bereich vertreten werden. Vor allem die Dauergäste, also die Besucher, die seit vielen Jahren, manche schon zum zehnten Mal, das Festival besuchen und alle Vorstellungen sehen, genossen diesen inhaltlichen Austausch über die Entwicklungen in dieser Theaterform. Auch für die anderen Spieler, die ebenfalls zahlreich die Gelegenheit wahrnahmen, während dieser Woche mit anderen Kollegen in Kontakt und Austausch zu kommen - ein erklärtes Ziel und ganz besonderes Merkmal des Festivals - war diese Diskussion zur Standortbestimmung und als Anregung ein wichtiges Moment der Auseinandersetzung.

Intime Nähe bei kleineren Formaten
Die kleine Form, für einen kleineren Rahmen und eine intimere Nähe mit den Zuschauern eignet sich für das Schattentheater in besonderem Maße - und so war der Rahmen im Großen Saal des Predigers fast schon zu groß für die experimentelleren Formen des Schattentheaters, die in der Inszenierung der New Yorker Gruppe, aber auch des polnischen Ensembles zu sehen waren. Die kleine Form wurde besonders auch gewählt für die zahlreichen Vorstellungen für Kinder. Die Nachfrage für diese Vorstellungen, die im Tagesprogramm des Festivals gezeigt wurden, war so immens, dass sechs Zusatzvorstellungen angesetzt werden mussten, um allen Interessierten die Möglichkeit zu geben, die Vorstellungen zu sehen. Die Kinder aus Gmünd und Umgebung mit dieser Theaterform bekannt zu machen, ist dem Festivalteam ein besonderes Anliegen, ist dieses Festival doch ein Alleinstellungsmerkmal, das keine andere Stadt zu bieten hat und das die Kinder deshalb als Besonderheit ihrer Heimat kennenlernen sollten. "That was one of the things on my bucket list: to play once at the Shadow Festival in Schwäbisch Gmünd", sagte Spica Wobbe, die Schattenspielerin der New Yorker Gruppe Double Image Theater Lab zum Publikum, als sie nach der Vorstellung den Applaus der begeisterten Zuschauer entgegennahm.

(Sybille Hirzel)

Fotos: Walter Laible

 

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