Sucht und Sehnsucht

Hintergrundinformationen zu einem innovativen Aufklärungsprojekt der BZgA

Was haben Sucht und Sehnsucht miteinander zu tun, fragen sich die BesucherInnen vor dem außergewöhnlichen Gebäude - und sind schon mittendrin in der Auseinandersetzung: Was bedeutet Sucht eigentlich? Welche Ursachen gibt es? Wie kann man sich davor schützen? Alle diese Fragen will die Ausstellung „SehnSucht“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ansprechen und Antworten darauf geben.

„SehnSucht“ im Innern der Muschel
Stützen wie erstarrte Wellen, der Bau wie eine riesige Muschel, umgeben von Wasser - die Ausstellung lockt mit einer aufsehenerregenden Architektur, die Funktionalität mit einer unverwechselbaren, organischen Formensprache vereint. Wasserbecken nehmen die Stützen der rund 400 qm großen Ausstellungshalle auf und geben ihr einen schwimmenden Eindruck, der die „sehnsüchtigen“ Assoziationen mit Wellen, Meer und Horizont noch verstärkt. Neben seiner symbolischen Bedeutung wird das Wasser auch konstruktiv genutzt: Es stabilisiert das Gebäude, so dass beim Transport beträchtliches Gewicht eingespart werden kann. Zwei LKW-Auflieger dienen als Rückgrat. Sie bieten Raum für Gruppenveranstaltungen, Kinovorführungen, ein Infozentrum, und sie transportieren die gesamte Pavillonkonstruktion. Eine fast transparente Plane überzieht die geschwungene Aluminiumkonstruktion und macht neugierig auf das, was sich hinter dem Titel „SehnSucht“ verbirgt. Über eine Treppe führt der Weg ins Innere der Muschel.

Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht
„Warnungen vor Drogenkonsum reichen alleine nicht aus“, erläutert Dr. Elisabeth Pott, die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Es geht darum, Ursachen und Hintergründe zu erkennen, um ein Leben ohne Sucht zu fördern. Der Titel der Ausstellung „SehnSucht“ macht bereits darauf aufmerksam, dass es Zusammenhänge gibt zwischen unerfüllten Bedürfnissen, Drogen und Missbrauchsverhalten. Letztlich verbirgt sich beinahe hinter jeder Sucht eine Sehnsucht. Jeder einzelne ist hier gefordert, auf süchtige Strukturen bei sich und anderen zu achten und sich auf seine ganz persönlichen Fähigkeiten und Kraftquellen zu besinnen. Die Ausstellung will dabei helfen - durch Informationen und Gesprächsangebote - Sensibilität und Selbstverantwortung beim Thema Sucht zu fördern“.

Eine „Suchtlandschaft“ mit bizarren Türen gleich zu Beginn verbirgt ihre „süchtigen“ Geheimnisse nur schlecht: Durch Spalten und Spione entdeckt man ein überraschend großes Panorama der Süchte: Manche sind verbreitet, wie die „klassischen“ Abhängigkeiten von Alkohol, Medikamenten und Nikotin, andere verlaufen besonders dramatisch - wie die Schicksale von Drogenabhängigen zeigen - oder sind durch Konsumtrends plötzlich akut, wie der anwachsende Gebrauch von Ecstasy. Gegenwärtig ist noch in den neuen Bundesländern ein Anstieg zu beobachten. Seit Ende der 90er Jahre scheint das Niveau in den alten Bundesländern konstant zu sein. Spielsucht, Arbeitssucht oder Magersucht stehen dagegen für Süchte, bei denen die Fixierung nicht auf einen bestimmten Stoff, sondern auf ganz bestimmte Handlungen ausgerichtet ist. Weiterhin sind auch ganz normale Verhaltensweisen aufgeführt, die in extremer Form ebenfalls Suchtcharakter annehmen können, wie z.B. Eifersucht, Streitsucht oder Kaufsucht. Dr. Elisabeth Pott: „So wenig, wie es nur eine Ursache für Sucht gibt, so wenig gibt es nur die (eine) Sucht. Natürlich haben nicht alle Süchte die gleiche Bedeutung, auch die Gefährdung, die von ihnen ausgeht, ist unterschiedlich. Wer aber erfolgreich Suchtprävention gestalten will, muss danach fragen, was diesen Süchten gemeinsam ist, welche Ursachen es sind, die das Entstehen von süchtigem Verhalten begünstigen, damit man sie erkennen und sich davor schützen kann. Denn letztlich kann beinahe jedes Verhalten süchtig entgleiten“.

Zahlen sprechen für sich; Sucht geht uns alle an:
In Deutschland gibt es ca. 9,3 Mio. Menschen zwischen 18 und 69 Jahren mit riskantem Alkoholkonsum. Davon weisen ca. 2,7 Mio. einen missbräuchlichen Alkoholkonsum auf. Von den 9,3 Mio. Menschen sind rund 1,6 Mio. alkoholabhängig. Nach Angaben der DHS lag der Pro-Kopf-Verbrauch reinen Alkohols im Jahr 2003 bei knapp 10,2 Liter.
Im Jahr 2003 wurden in Deutschland rund 1,6 Milliarden Packungen Arzneimittel über die Apotheken verkauft, davon allein rund 158 Mio. Packungen Schmerzmittel und ca. 35 Mio. Packungen Schlaf- und Beruhigungsmittel. Schätzungsweise 1,4 Mio. Menschen in Deutschland sind medikamentenabhängig.
1.477 drogenbedingte Todesfälle wurden im Jahr 2003 in Deutschland registriert. Die Zahl der polizeilich erstauffälligen Konsumenten harter Drogen lag im Jahr 2003 bei einer Gesamtzahl von 17.937 Personen und ist damit im Vergleich zum Vorjahr um 11% rückläufig.
In Deutschland sterben etwa 110.000 bis 140.000 Personen jährlich in Folge ihres Tabakkonsums. Das sind jeden Tag etwa 300 bis 400 Todesfälle durch Rauchen.
23% der Frauen und 21% der Männer zwischen 12 und 32 Jahren haben in den letzten 12 Monaten eine Diät gemacht. Das kollektive Diätverhalten wird als Risikofaktor für die Entstehung von Störungen im Essverhalten gesehen.

„Mein Glücksprogramm funktionierte nicht“
Im „Labyrinth des Lebens“ suchen die Besucher in kulissenhaften Ausschnitten aus Küchen, Wohn- und Arbeitszimmern vergeblich nach dem einen, „richtigen“ Weg zum Happyend. Die Regel, das wollen die exemplarischen Lebensgeschichten dieser Station verdeutlichen, ist nicht der geradlinige Lebensweg mit Glücksgarantie. Vielmehr sind Umwege, Konflikte und Irrtümer essentielle Bestandteile des Lebens - und sie bergen nicht nur das Risiko der Entstehung von Abhängigkeit und Sucht, sondern bei gelungener Bewältigung häufig auch eine Chance auf persönliches Wachstum.

Eine interaktive Balance-Scheibe genau im Zentrum der Ausstellung bringt Bewegung ins Publikum. Dort scheinen Wünsche auf, existentiell und widersprüchlich, wie zum Beispiel „einzigartig“ und zugleich „normal“ sein zu wollen. Es gilt, solche Spannungsfelder auszuhalten und das eigene Gleichgewicht zu finden.

Lebenswege gestalten
„Vanessa“ und „Marc“, „Hussein“, „Nadja“, „Sybille“, „Matthias“ und „Gisela“: sieben fiktive Personen, sieben ganz unterschiedliche Lebenswelten und –wege werden an dieser Station vorgestellt. Die BesucherInnen können die Entwicklungen dieser Spielfiguren aktiv gestalten, indem sie sich in die Personen hineinversetzen: ‚Wie sollte sie sich entscheiden?‘ ‚Was bringt sie weiter?‘ ‚Welche Entscheidung könnte ihr schaden?‘ Es geht darum, mögliche Gefährdungen zu erkennen, Standpunkte zu überprüfen und Konsequenzen abzuschätzen, für sich allein und gemeinsam mit anderen.

Hör-Collagen
Stimmen können Stimmungen erzeugen. Und Verstimmungen. Wer sich auf’s Zuhören einlässt, erinnert sich vielleicht u.a. an „typische Mutter- oder Vater-Sätze“, die aus der Kindheit noch hineinwirken bis in die Gegenwart. Durch die Konfrontation mit diesen Sätzen entstehen „innere Bilder“ und Gefühle, die zeigen, wie nah Kränkung, Abwertung, Entmutigung oder Stärkung, Zuspruch und Ermutigung manchmal beieinander liegen. Entmutigung vermeiden, Ermutigung versuchen. Nicht nur der Inhalt mancher Sätze, sondern gerade auch der Klang der Stimme und die jeweilige Sprechweise, enthalten verdeckte Botschaften, die uns aufbauen oder treffen können.

In der abschließenden Station „Kraftquellen“ präsentieren wir, was Menschen stark macht, was ihnen im Alltag immer wieder Halt und Gelassenheit gibt. Die „Kraftquellen“ wollen Impulse geben, über die Quellen eigener Lebenskraft nachzudenken.

„SehnSucht“ vor Ort
Der rund 400 qm große Ausstellungs-Pavillon ist als mobile Halle konzipiert. Hier müssen nicht die Menschen den Weg in die Ausstellung finden, wie etwa in ein Museum, sondern „SehnSucht“ kommt dorthin, wo Menschen sich aufhalten und begegnen, auf zentralen Plätzen, in Fußgängerzonen und Parkanlagen der Städte. Dieser „Abhol-Charakter“ ist Teil des Ausstellungskonzeptes der BZgA, das sich bewährt hat: Neugier zu wecken und Vorbeigehende zu einem spontanen Besuch zu veranlassen. BesucherInnen durch attraktive und interaktive Elemente zu fesseln, ist das Konzept, das mit „SehnSucht“ umgesetzt werden soll.

„SehnSucht“ unterwegs
Die Ausstellung wird in den kommenden Jahren in vielen attraktiven Orten in allen Bundesländern zu Gast sein und dort in Kooperation mit lokalen und regionalen Institutionen und Initiativen veranstaltet werden. Sowohl ausgebildete FachbetreuerInnen im Auftrag der BZgA als auch die Fachkräfte vor Ort gewährleisten eine kompetente Beratung. „Wir wissen, dass diese Wanderausstellung, so attraktiv wir sie auch gestalten, nur ein Strohfeuer wäre, wenn sie nicht auf die Angebote vor Ort aufmerksam machen würde - und auf die Menschen, die hinter diesen Angeboten stehen. Im Rahmen einer breit angelegten Kampagne der BZgA zur Suchtvorbeugung ist die Zusammenarbeit aller, die im Feld Suchtprävention arbeiten, überaus wichtig - „SehnSucht“ versteht sich als ein Forum, das die gemeinsamen Anstrengungen konzentriert und nach außen sichtbar macht“, erläutert Dr. Elisabeth Pott.