Das Einhorn.

Mythos und Signet

12. November 1999 – 5. März 2000

Figurenuhr Einhorn, um 1600, Augsburg, Bronze und Messing, vergoldet (Gehäuse), Silber, emailliert (Zifferblatt), Messingplatine, Eisenräder (Werk), Ebenholz, Silber (Sockel), 40 × 27 × 18 cm (mit Sockel). Sammlungen Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd.

In einer zeit-, fach- und gattungsübergreifenden Ausstellungspräsentation steht ein Tier im Mittelpunkt, das sich in den Kulturen des Orients und des Abendlandes findet, mit mythologischen wie märchenhaften Charakteristika behaftet ist, den Zahn eines Narwals als Horn auf der Stirn trägt, und über zweieinhalb Jahrtausende im Visier von Wissenschaft, Philosophie, Theologie, Bildender Kunst, Musik und Literatur stand – das Einhorn.

Das Ungewöhnliche daran ist die bis heute in Kunst und Kunsthandwerk lebendig gebliebene Auseinandersetzung mit einem "Tier, das es nicht giebt" (R.M. Rilke), und das Naheliegende – zumal für Schwäbisch Gmünd – ist die Erforschung des Motivs als langjähriges Stadtsignet.

Präsentiert werden 36 Beispiele sowohl aus dem Bereich der Mythologisierung als auch aus der heraldischen Signatur. Sie geben Auskunft über das vielfältige Erscheinungsbild des Einhorns in Malerei, Graphik, Skulptur und Kunsthandwerk. Das älteste Schaustück der Ausstellung – zugleich auch das älteste Siegel der Stadt mit dem Einhornwappen – ist datiert aus dem Jahr 1277. Das neueste Ausstellungsstück stammt aus dem Jahr 1999 – eine Einhorn-Skulptur aus rotem schwedischen Granit, die der Bildhauer, Aktionskünstler und Maler Anatol Herzfeld speziell für die Gmünder Ausstellung geschaffen hat. Die Arbeit wird am Haupteingang des Predigers plaziert sein und so das Entree zur Ausstellung im 2. Obergeschoß bilden.

Das Spektrum der Ausstellung umfaßt u. a. graphische Arbeiten von Albrecht Dürer (1471-1528), Hans Baldung Grien (1484/85-1545) und Matthäus Merian d.Ä. (1593-1650). Als Besonderheit ist ein Narwalschädel mit Stoßzahn zu sehen. Die nachhaltige Wirkung des Einhorns und die intensive Auseinandersetzung mit dem Mythos, der Geschichte und Symbolik des Fabelwesens in der zeitgenössischen Kunst werden beispielhaft in den Arbeiten von Anatol Herzfeld (geb. 1931) und seinem Schüler Robert Beerscht (geb. 1966), von Fritz Schwegler (geb. 1935) und seiner Schülerin Senta Connert (geb. 1957) sowie Daniel Spoerri (geb. 1930) dokumentiert. Von Daniel Spoerri, der in den 60er Jahren international vor allem als "Eat-art"-Künstler in Erscheinung getreten ist, wird in der Ausstellung eine bisher noch nie in Deutschland gezeigte Einhorn-Skulptur in Bronze präsentiert. Eigens für Schwäbisch Gmünd entstanden die beiden plastischen Arbeiten von Anatol Herzfeld und Robert Beerscht.

Die künstlerische Vielfalt im Umgang mit dem Einhorn als Mythos und Signet zeigt, daß, ungeachtet aller fehlenden fossilen Belege, der Glaube an die Phantasie- und mythische Sagengestalt Motor für künstlerische Formulierungen wurde und bis in unser Jahrhundert blieb. Und, daß es bis heute zu einem offenbar unverzichtbar gewordenen Symbol und Sinnbild für unerfüllte Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte geworden ist.

Figurenuhr Einhorn, um 1600, Augsburg, Bronze und Messing, vergoldet (Gehäuse), Silber, emailliert (Zifferblatt), Messingplatine, Eisenräder (Werk), Ebenholz, Silber (Sockel), 40 × 27 × 18 cm (mit Sockel). Sammlungen Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd.
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