Hans Baldung Grien.

Hans Baldung Grien. Holzschnitte

30. Juni – 27. August 2000

Hans Baldung Grien, Maria mit Kind auf der Rasenbank, Holzschnitt, Nürnberg um 1505/07, 23,3 × 16 cm, Sammlungen Museum im Prediger
Hans Baldung Grien, Maria mit Kind auf der Rasenbank, Holzschnitt, Nürnberg um 1505/07, 23,3 × 16 cm, Sammlungen Museum im Prediger

Zum ersten Mal zeigt das Museum im Prediger den gesamten Sammlungsbestand an Einzel- und Buchholzschnitten (insgesamt 44 Blätter) von Hans Baldung Grien: vollständig restauriert, neu gerahmt und ergänzt durch 14 weitere Leihgaben aus Privatbesitz wird damit wird erstmals ein repräsentativer Einblick in das grafische Werk des berühmten Gmünder Künstlers des Mittelalters gegeben. Alle Schaffensperioden Baldungs von seinen Anfängen in der Dürer-Werkstatt bis in die letzten Lebensjahre werden in der Präsentation ablesbar und geben Einblick in die verschiedenen Entwicklungsperioden und Einflussfaktoren.

Hans Baldung Grien, 1484 oder 1485 in Schwäbisch Gmünd geboren und 1545 in Straßburg verstorben, zählt neben Matthias Grünewald, Albrecht Dürer, Lucas Cranach d. Ä., Albrecht Altdorfer und Hans Holbein d. J. zu den großen Künstlern in der deutschen Malerei und Grafik der ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts. Das künstlerische Werk Hans Baldung Griens umfasst etwa 100 Altäre und Tafelbilder, mehr als 250 Zeichnungen, 80 Einzelholzschnitte und mehrere hundert Buchillustrationen.

Für Baldung war der Holzschnitt eine der zentralen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten, die perfekte Beherrschung des Materials und der Technik voraussetzte und seinem Talent als Zeichner und Grafiker entsprach. Der deutliche Schwerpunkt in Baldungs Schaffen liegt, wie es zu seiner Zeit um 1500 üblich war, in der Auseinandersetzung mit religiösen Motiven: Mariendarstellungen, Apostelzyklen, Kreuzigungsszenen und Martyrien dominieren die wenigen Porträts weltlicher Persönlichkeiten, die Bewegungsstudien von Tieren und die mythologischen Themen.

Baldungs Stil dokumentiert den Übergang zwischen der späten Gotik und der – für die deutschen Verhältnisse – frühen Renaissance. Diese thematische Auseinandersetzung ist besonders deshalb spannend, weil sich darin die Zeit großer naturwissenschaftlicher, sozialer, wirtschaftlicher, politischer und künstlerischer Veränderungen, Neuerungen und Umbrüche widerspiegelt – bis hin zu einem Porträt von Martin Luther (in der Ausstellung zu sehen), der 1517 mit seinem Thesenanschlag die Reformation einleitete.

Baldung gelingt es, sinnlich-erotische Lebensfreude, Lebensgier und Todesahnung in beeindruckende Bilder zu fassen, wobei die Darstellung von Schönheit und Hässlichkeit nackter menschlicher Körper, die sich vor allem in seinen Hexenbildern zeigt, für die Kunst des 16. Jahrhunderts völlig neu, beunruhigend und schockierend ist. Dürers Klassik stellt Baldung selbstbewußt einen ausdrucksstarken Expressionismus, nach 1591 einen sich im Keim entwickelnde manieristische Ausdrucksweise entgegen. In Opposition zum Proportionsschlüssel Dürers sind seine Figuren nicht konstruiert, nicht idealisiert, nicht von gleichberechtigter Größe; die Räume, die vordem die figürliche Komposition umschlossen, werden zu Bühnen von ungewisser Tiefe. Baldungs von Leidenschaft erfülltes Werk greift so bereits über die Begrenzungen der altdeutschen Kunst hinaus und drückt dessen Öffnung zum europäischen Manierismus aus. Noch nie in der deutschen Kunst hatte es ein Künstler gewagt, Triebhaftigkeit und Gier, Hingabe und Verweigerung bildlich anzusprechen, wie in Baldungs Adam-und-Eva-Holzschnitt aus dem Jahr 1519 (in der Ausstellung zu sehen) Damit brach Baldung ein Tabu, das bis in unsere Tage wirkt.

Katalog
Zur Ausstellung gibt es einen Katalog (136 Seiten, 35,– DM) mit einem Text des Baldung-Experten Matthias Mende vom Stadtmuseum Nürnberg und begleitenden Bildkommentaren von Dr. Monika Boosen.

 

Hans Baldung Grien, Maria mit Kind auf der Rasenbank, Holzschnitt, Nürnberg um 1505/07, 23,3 × 16 cm, Sammlungen Museum im Prediger
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