Laura Ford.

Laura Ford. Von Tieren und Menschen

21. Mai – 12. September 2010

Laura Ford. Von Tieren und Menschen
Laura Ford. Von Tieren und Menschen

„Meine Arbeit ist eine Mischung aus Humor, Melancholie und Dunkelheit. Ich bin spielfreudig, wenn ich arbeite“, sagt die britische Bildhauerin Laura Ford. Und so überrascht es nicht, wenn ihre Arbeiten von subtiler humoristischer Doppeldeutigkeit, von Komik und Scherz, Satire und Ironie leben. Laura Ford beschäftigt sich in ihrer Kunst mit dem Übergang von Tier zu Mensch, von Kreatur zu Figur, von realer Welt zur Fiktion. Mit ihrer Fähigkeit, menschliches Sein in ebenso entwaffnender wie scharfsinniger Weise zu präsentieren, gehört sie zu den geistvollsten und eigenwilligsten Künstlerinnen ihrer Generation. Erstmals im süddeutschen Raum gibt jetzt die Galerie im Prediger Schwäbisch Gmünd vom 21. Mai bis 12. September Einblicke in das phantasiereiche Werk von Laura Ford. Unter dem Titel „Von Tieren und Menschen“ sind 28 Skulpturen zu sehen, davon drei Arbeiten im Stadtraum. Dazu kommen vier Zeichnungen, die das bildhauerische Werk der Künstlerin begleiten. Ausstellung und Katalog (124 Seiten, 20 Euro) entstanden in Kooperation mit der Galerie Scheffel » , Bad Homburg v.d.Höhe.

Eröffnung

Die Ausstellung wird am Freitag, 21. Mai um 19 Uhr im Prediger-Innenhof durch den Ersten Bürgermeister Dr. Joachim Bläse im Beisein der Künstlerin eröffnet. Zum Werk von Laura Ford spricht Dr. Beate Reifenscheid, Ludwig Museum Koblenz, zur Ausstellung Museumsleiterin Dr. Gabriele Holthuis.

Laura Ford. Von Tieren und Menschen

Überraschend und voller gegenläufiger Erwartungen: die Skulpturen von Laura Ford

Laura Fords Skulpturen und Objekte sind vielseitig, sowohl was das verwendete Material als auch ihre Bildwelt angeht. Elemente des Alltagslebens verknüpft die Künstlerin mit ihrer eigenen Vorstellungswelt. Gleichnisse aus Kinderreimen und Märchen, in denen Mensch und Tier verglichen werden, spielen dabei eine große Rolle. So entstehen spannende skulpturale Collagen, die Realismus und sinnliche Wahrnehmung vereinen, und voller gegenläufiger Erwartungen und Überraschungen sind. Was auf den ersten Blick witzig und verspielt scheint, offenbart bei näherer Betrachtung einen ernsten und zeitkritischen Hintergrund – wie die Arbeiten der 2007 entstandenen Werkserie „Rag and Bone“, zu deutsch „Lumpensammler“: Aus Textilien, wie sie oft an karitative Einrichtungen verschenkt werden, fertigt die Künstlerin Tiere in den Haltungen und der Kleidung typischer Obdachloser, wie sie heute in jeder größeren westlichen Stadt anzutreffen sind. Die Arbeit „Rag and Bone With Bin“ stellt einen freundlichen Dachs in schmutziger Kleidung beim Durchwühlen eines Mülleimers dar, „Rag and Bone With Bags“ eine Igeldame in Fetzen, die einen mit Taschen und Tüten beladenen Buggy schiebt. Und „Rag and Bone With Blanket“ ist eine ,obdachlose’, in schmutzige Decken gehüllte Füchsin mit ihrem Jungen, die um Almosen bettelt. Mit den Figuren dieser Werkserie knüpft Laura Ford an die Tradition der Tierbilder in illustrierten Kindergeschichten und Fabeln an. Doch Fords Aussage ist eine realistische und bezieht sich auf die Menschen am Rande der Gesellschaft, die wir häufig übersehen.

Die physische und emotionale Gewalt gegen Kinder thematisiert unmittelbar die fünfteilige Arbeit „Armour Boys“ (2006): eine Serie von bronzenen kleinen Rittern in Rüstungen, die mit verdrehten Gliedern herumliegen und nicht nur zu den vielen afrikani­schen Kriegen, in denen immer noch Kindersoldaten kämpfen, sondern auch zur Geschichte des Rittertums, insbesondere den Kinderkreuzzug von 1212, Bezüge herstellen.

Ein metaphorisches Echo auf die britische Redewendung „There is none so blind as those that cannot see“ (Keiner ist so blind wie derjenige, der nichts sieht) und damit das Motiv falscher heldenmütiger Blindheit klingt in der Skulptur des „Glove Boy“ aus der Installation „Great Indoors“ an. Diese versammelt neben fünf riesenhaften Hirschen in Militärkleidung einen Jungen mit Schlitten: Das Gesicht von einem Wollschal vollkommen bedeckt und ausgestattet mit Schneeschuhen aus alten Tennisschlägern – so kämpft er sich verbissen durch eine feindliche Natur, der Körper vor Anstrengung gekrümmt, weil er einen schwer beladenen Schlitten hinter sich herzieht. Die kindliche Skulptur nimmt Bezug auf die gescheiterte Polarexpedition von Robert Falcon Scott von 1910 bis 1912. Scott unternahm seine Reise durch die Antarktis zu Fuß, ohne Schlitten und Polarhunde – ein Starrsinn, der ihn das Leben kostete.

In ihrer anthropomorphen, halb menschlichen und halb tierischen Bilderwelt eröffnet Laura Ford auch immer wieder eine ironische Sicht auf Konventionen der Geschlechtersozialisation und Rollenklischees in der Kindheit und Jugend. In der Werkserie der „Headthinker“ (2003) tragen die mit echter Kinderkleidung ausgestatteten Gipskörper von Jungen an einem überdimensionalen Eselskopf so schwer, dass sie diesen auf einem Sims bzw. Sockel ablegen müssen – träumen diese „Headthinker“ den Sommernachtstraum des eselsköpfigen Nick Bottom (Zettel) aus der Shakespeare-Komödie?

Das seit der Antike faszinierende Motiv der Metamorphose erfährt bei Laura Ford schließlich in der Bronzeskulptur „Espaliered Girl“ (2007) – einem hybriden Mischwesen aus Kind und Baum, das in ein imaginäres Spalier, wie es im Obstbau eingesetzt wird, gespannt ist – eine ganz neue Variante.

Biografie

Laura Ford, 1961 in Cardiff geboren, gehört zu den bedeutendsten britischen Bildhauerinnen der Gegenwart. Studiert hat sie Bildhauerei an der Bath Academy of Art, mit einem Auslandsjahr an der Cooper Union School of Art in New York, und an der Londoner Chelsea School of Art. Zuerst in ihrer britischen Heimat, dann im nördlichen Europa und schließlich auch in den USA ist sie heute weithin anerkannt und bekannt. Internationale Sammlungen wie die Tate Modern in London, die National Museums and Galleries of Wales, die British Government Collection und das Museum of Modern Art oder die University of Iowa sind längst im Besitz ihrer Arbeiten. Laura Ford hat an mehr als 20 Einzelausstellungen und über 45 internationalen Gruppenausstellungen teilgenommen. 2005 hat sie ihre walisische Heimat bei der Biennale von Venedig vertreten.

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