Perltaschen.

Ein Gmünder Modeschlager für die Dame von Welt

Perltasche mit Silberbügel, Motiv: beidseitig von Efeu umranktes Füllhorn, rosa Rose, Ähren, blauen Weintrauben, Himbeeren, Herbstanemonen, blauer Herbstaster, Bügel: Firma Ott, um 1920, 35,5/27 × 21,5 cm, Sammlungen Museum im Prediger.

28. April – 27. Oktober 2019

Einst äußerst erfolgreich, ist die Perlstrickerei heute ein weitgehend vergessener Zweig der Textilindustrie, die im Schwäbisch Gmünder Raum ihr bedeutendstes Zentrum in Deutschland hatte. In den 1920er Jahren waren Perltaschen aus Schwäbisch Gmünd ein überaus begehrter Luxusartikel für die modebewusste Dame von Welt. Vor allem auf dem amerikanischen Markt waren sie der letzte Schrei. Die einstmals glanzvolle Geschichte dieses textilen Produktionszweigs dokumentiert der umfangreiche Bestand an Perltaschen und -beuteln, Mustern und Vorlagen, über den das Gmünder Museum verfügt.
Mit ausgewählten Exponaten zeigt die Ausstellung im Silberwarenmuseum Ott-Pausersche Fabrik den ganzen Motiv- und Variantenreichtum an Perltaschen in seiner damals wie heute faszinierenden Qualität, Eleganz und Exklusivität. Passend zur Remstal Gartenschau stehen florale Motive im Mittelpunkt der Präsentation. Zusammen mit Mustervorlagen wird zugleich ein kurzes, wenngleich besonderes Kapitel Schwäbisch Gmünder Wirtschafts- und Industriegeschichte lebendig.

Perltasche mit Silberbügel, Motiv: beidseitig von Efeu umranktes Füllhorn, rosa Rose, Ähren, blauen Weintrauben, Himbeeren, Herbstanemonen, blauer Herbstaster, Bügel: Firma Ott, um 1920, 35,5/27 × 21,5 cm, Sammlungen Museum im Prediger.
Perlbeutel, 30 × 17 cm, um 1920, Sammlungen Museum im Prediger

Die Perlstrickerei, das meint das Verstricken von Fäden, auf denen winzige Glasperlen aufgezogen sind, wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Maßnahme zur Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in und um Schwäbisch Gmünd eigeführt und staatlicherseits als Nebenerwerb für Frauen gefördert. Gmünder Handelsleute nahmen die Herstellung von Perltaschen in ihr Warenangebot auf. Schnell blühte deren Fertigung zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor auf und Schwäbisch Gmünd entwickelte sich im süddeutschen Raum zu einem Zentrum der Perltaschenindustrie.
Glasperlen wurden vor allem aus Italien und aus Böhmen importiert. Aufgefädelt wurden sie zunächst von Perlfasserinnen. Perlstrickerinnen verarbeiteten dann die Schnüre zu Beuteln und Taschen. Gearbeitet wurde nach zum Teil selbst entworfenen Mustern und Vorlagen. Kleinste Fehler in der Ausführung beider Arbeiten führten zu Unregelmäßigkeiten in der Musterwiedergabe und machten die Waren unverkäuflich. Die Vielfalt der Bildmuster reichte vom einfachen Ornament über Blumenbuketts, Landschaftsdarstellungen und Städteansichten bis zu Genreszenen. Die Silberbügel für die Taschen wurden in den Gmünder Silberwarenfabriken gefertigt. Die Perlarbeiten, vor allem Täschchen, aber auch Tabaks- und Geldbeutel, Kragen und Schmuck wurden auf Messen in Frankfurt und Leipzig angeboten und kamen über Hamburg und Holland auch nach Amerika.
Mit der Mode änderte sich auch die Nachfrage nach Perltaschen und der Konkurrenzdruck der maschinell hergestellten Taschen brachte um 1870 das Ende der Perlstrickerei in Schwäbisch Gmünd. Als im Ersten Weltkrieg Fabriken wegen Rohstoff- und Arbeitermangel schließen mussten, wurde die Heimarbeit und damit das Perlstricken wieder aufgenommen, konnte sich aber nur noch bis zum Ende der 1920er Jahre halten. In den 1930er Jahren kam die Produktion dann ganz zum Erliegen. Heute sind die erlesenen Accessoires der modebewussten Dame von einst geschätzte, in ihrem Erscheinungsbild äußerst attraktive Sammlerstücke.

Perlbeutel, 30 × 17 cm, um 1920, Sammlungen Museum im Prediger
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