Reiner Seliger. broken bricks

2. Februar – 22. April 2019

Reiner Seliger, Ausstellungsansicht "broken bricks", Galerie im Prediger 2019. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.

Unverkennbares Markenzeichen des Bildhauers Reiner Seliger sind seine unkonventionellen Materialien, mit denen er arbeitet und die Grenzen der Gattung immer wieder neu absteckt. Mit „broken bricks“ (gebrochene Ziegelsteine) hat Seliger seine Ausstellung in der Galerie im Prediger überschrieben. Der Titel verweist sowohl auf das Material, das im Schaffen des Bildhauers seit Beginn eine primäre Rolle spielt, als auch auf den thematischen Rahmen, den die Werkschau absteckt: Im Zentrum steht ein vor Ort frei aufgeschichteter, überlebensgroßer Ziegelturm. Um diesen gruppieren sich ein halbes Dutzend weitere Ziegelskulpturen unterschiedlicher Größe und Oberflächenstruktur, dazu eine großformatige Skulptur aus Glasfragmenten, alles im Dialog mit aus Ziegelbruch entstandenen Wandreliefs und Zeichnungen, gefertigt aus Ziegelstaub. Zur Werkschau erscheint eine Broschüre.

Eröffnung

Die Ausstellung wird am Freitag, 1. Februar, um 19 Uhr durch Bürgermeister Julius Mihm eröffnet. Der Künstler ist anwesend. Zum Werk von Reiner Seliger spricht der Kunsthistoriker Dr. Günter Baumann von der Galerie Schlichtenmaier, zur Ausstellung Museumsleiterin Dr. Monika Boosen.

Reiner Seliger, Ausstellungsansicht "broken bricks", Galerie im Prediger 2019. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.
Reiner Seliger, Ausstellungsansicht "broken bricks", Galerie im Prediger 2019. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.

Zur Ausstellung

Seit den 1990er Jahren hat Reiner Seliger aus der Behandlung des Ziegels, später auch unter Verwendung andere Natursteine und Materialien, konsequent seine ganz eigene Sprache entwickelt, die sein Werk in der aktuellen, auf den Raum bezogenen Kunst unverwechselbar macht. Ausgangspunkt seines künstlerischen Schaffens sei sein „Besessensein vom Bauen“, betonte Reiner Seliger einmal. Mit diesem Bekenntnis benennt er selbst einen ersten wichtigen Aspekt, der seine Arbeiten wesentlich kennzeichnet: ihr Gebautsein. Seligers Ziegelskulpturen sind das Ergebnis reiner Handarbeit. Ohne Sockel, tür- und fensterlos wachsen sie gleichsam aus dem Boden und schließen sich zu abstrakten, geometrischen Grundformen, zu Kegel, Kugel, Oval und Kreis.

Sie entstehen durch Schichtung und Fugung des rohen, gebrochenen Materials – entweder vermörtelt als stabile Körper über einem vorgedachten Formgerippe aus Armiereisen und Stahlmatten, oder mörtellos als temporäre Ereignisse, wie der für die Galerie im Prediger geschaffene Ziegelturm. Die Außenflächen sind nicht glatt. Bruchkanten erweckt den Eindruck eines bewegten Äußeren, verlebendigen die Außenhaut und lassen mosaikhaft Facetten entstehen, in denen sich das Umgebungslicht bricht. Seliges Skulpturen folgen keiner Funktion, sondern gehorchen rein statischen Gesetzen.

Auf eindrückliche Weise verknüpfen sie Fragestellungen der modernen plastischen Kunst mit Erscheinungen menschlicher Kultur, gehört der Ziegel doch zu den ältesten Baumaterialien der Welt. In ihrer archetypischen Form wecken sie Assoziationen: während die Kegel-, Zapfen- und Rundformen an die formal strengen Gestaltungsideen französischer Barockgärten erinnern, wecken die Türme Assoziationen an prähistorische Monumente, beispielsweise die Steinbauten der Nuraghen auf Sardinien.

Eine zweite, wesentliche Komponente, die bei der Betrachtung der Skulpturen von Reiner Seliger ins Auge fällt, ist das Material und der Umgang mit ihm. In den 1960er Jahren machten vor allem die Künstler der Arte Povera das Material selbst zum zentralen Thema und Träger ihrer Kunst. Es wurde in seinen ästhetischen und eigengeschichtlichen Qualitäten anerkannt und sollte direkt zum Betrachter sprechen. Seitdem ist es nicht mehr nur Mittel zur Kunst, sondern erlangte eine die Form selbst hervorbringende Kraft. In dieser Tradition steht auch die Kunst Reiner Seligers, die in Material und Form das Einfache und Elementare würdigt. Für seine Skulpturen verwendet er alltägliche, ursprüngliche und vom Prinzip her kunstferne Materialien. Neben dem Gebrauch des Ziegelsteins erweiterten über die Jahre Glas, Kreide, Marmor, Beton und auch Styropor das Repertoire. In der dicht strukturierten Anordnung des Materials entstehen jeweils eigene, ganz besondere Farbereignisse von hoher ästhetischer Qualität.

 

Reiner Seliger, Ausstellungsansicht "broken bricks", Galerie im Prediger 2019. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.
Reiner Seliger, Ausstellungsansicht "broken bricks", Galerie im Prediger 2019. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.

Ein dritter Wesenszug, der den Skulpturen Reiner Seliger eigen ist, resultiert aus ihrem Gebautsein. Bauen ist „ein Stiften und Fügen von Räumen“ (Martin Heidegger). Wesentlich räumlich sind Seligers Skulpturen durch die Spannung zwischen Offenheit und Geschlossenheit und ebenso durch ihre Ausstrahlung in die Umgebung, in die sie gestaltend wirken. Als gebaute Skulpturen schaffen sie Umgebungen und ermöglichen so Raumerfahrung jenseits von Zweckmäßigkeit. Bedingt durch die Art und Weise des Schichtens und Fugens entstehen in den Ziegelskulpturen unzählige schmale Ritze zwischen den Steinen. Sie vermitteln zum einen eine sinnliche Erfahrbarkeit vom Inneren des Baukörpers und stellen zum anderen zugleich eine Verbindung zwischen Innen und Außen her. Einzeln, vor allem aber in unterschiedlichen Formaten zu Gruppen arrangiert, erzeugen die Skulpturen eine starke Präsenz und schaffen eine Atmosphäre, die eine unmittelbare, physisch erfahrbare Wirkung auf den Raum und die Besucher ausübt.

Reiner Seligers Skulpturen sind eine sinnliche Vereinigung von Form, Material und Raum. Strenge Tektonik und Lebendigkeit, Aufbau und Wachstum, Kraft und Leichtigkeit finden einen formalen Ausgleich. Form meint für Reiner Seliger die Beschreibung eines Seinszustandes, der Wirklichkeit als einen lebendigen, Überraschungen zulassenden Prozess denkt. Im Grenzbereich zwischen Kunst und Architektur reflektieren die Skulpturen das Verhältnis von künstlerischem Werk, Material und Wahrnehmung: Wie nehmen wir Material wahr? Wie definieren wir Gegenstände? Was ist Raum? Im Widerschein ihrer gebauten Form sprechen Seligers Werke vor allem die Zeitlichkeit allen Bauens an und die Sehnsucht, Dinge zu schaffen, die jenseits menschlicher Endlichkeit überdauern.

Reiner Seliger, Ausstellungsansicht "broken bricks", Galerie im Prediger 2019. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.

Zum Künstler

Reiner Seliger wurde 1943 im schlesischen Löwenberg geboren, heute polnisch Lwówek Śląski. Er studierte Industrial Design an der Folkwang Hochschule in Essen (1964-1969). Nach Beendigung des Studiums lehrte er als Dozent: zunächst am National Institute of Design (NID) in Ahmedabad, Indien, später in London, Mailand und Florenz, von 1976 bis 1980 schließlich in Düsseldorf, wo er bis 1970 lebte. Heute ist Reiner Seliger in Freiburg und Castello di Montefioralle, Italien, zuhause. Seligers Werk wurde mit Kunstpreisen ausgezeichnet und in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gewürdigt. Besonders präsent sind seine Skulpturen im Außenraum, beispielsweise im Luisenpark Mannheim, an der Universität Niccosia, Zypern, und der Stiftung GGN in Zürich, Schweiz. Seligers Werke sind in wichtigen Sammlungen vertreten.

 

ZUM BILD