Lechaim – Auf das Leben!

Kiddusch-Becher und andere Judaica aus Gmünder Produktion

25. April – 31. Oktober 2021

Juliane Schölß. Tablett mit 8 Gefäßen. 925/000 Silber, teilweise vergoldet, teilweise geschwärzt, Tablett: Edelstahl, gefärbt. 2017.Foto: Eva Jünger

Eröffnung

Sonntag, 25. April, 15 Uhr

Juliane Schölß. Tablett mit 8 Gefäßen. 925/000 Silber, teilweise vergoldet, teilweise geschwärzt, Tablett: Edelstahl, gefärbt. 2017.Foto: Eva Jünger

Zahlreiche bundesweite Veranstaltungen erinnern 2021 an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Das besondere Ereignis beleuchtet das Gmünder Museum mit der Ausstellung »Lechaim – Auf das Leben!«, die im Silberwarenmuseum Ott-Pausersche Fabrik Judaica aus Schwäbisch Gmünder Produktion präsentiert.

Wilhelm Binder (Schwäbisch Gmünd), Kidduschbecher, Silber, um 1905, Höhe: 14 cm, Museum im Prediger Schwäbisch Gmünd, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
Wilhelm Binder (Schwäbisch Gmünd), Kidduschbecher, Silber, um 1900, H. 14 cm, Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd. © Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.

»Der die Frucht des Weinstocks erschaffen hat« lautet die Inschrift auf einem Kiddusch-Becher im Judenstil, der um 1905 von der Gmünder Silberwarenfirma Wilhelm Binder für den US-amerikanischen Markt angefertigt wurde. Im Kunsthandel 2019 vom Museum im Prediger für die Sammlung erworben, wirft die erstaunliche Exportgeschichte des Bechers ein Schlaglicht auf das ausgesprochene Renommee von jüdischem Kultgerät aus Schwäbisch Gmünd. Während die prägnante Jugendstilform des Kiddusch-Bechers der Firma Binder etwas von der Weltläufigkeit dieser größten Gmünder Silberwarenfabrik erzählt, so ist die Produktion von Judaica für die Firma Josef Pauser anhand von Musterzeichnungen, Werkzeugen, Halbfabrikaten, fertigen Objekten und Katalogabbildungen besonders gut belegt.

Wilhelm Binder (Schwäbisch Gmünd), Kidduschbecher, Silber, um 1900, H. 14 cm, Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd. © Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.
Silberwarenfabrik Ott-Pauser (Schwäbisch Gmünd), Chanukkaleuchter, 1920-30, H. 33,5 cm, Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd. © Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd. Foto: Joachim Haller

Mit Judaica aus dem musealen Sammlungsbestand dokumentiert die Ausstellung die beachtliche Kreativität im Design unterschiedlicher Typen jüdischer Kultgeräte, die in Schwäbisch Gmünd von nahezu allen Silberwarenfirmen produziert und weltweit gehandelt wurden, darunter Kiddusch-Becher, Chanukka-Leuchter, Bsamim-Türme und Fruchtdosen. Zusammen mit Leihgaben zeichnen insgesamt 40 Objekte die Entwicklungs- und Formgeschichte dieser Gefäße bis in das frühe 18. Jahrhundert nach. Über die Exponate erhellt sich auch die Rolle jüdischer Silberhändler, welche durch ihre Bedeutung im internationalen Waren- und Geldverkehr als Triebfeder für den Kultur-, Form- und Technologietransfer fungierten.

Silberwarenfabrik Ott-Pauser (Schwäbisch Gmünd), Chanukkaleuchter, 1920-30, H. 33,5 cm, Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd. © Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd. Foto: Joachim Haller
Annonce der Silberwarenfabrik Wilhelm Binder im Illustrierten Bijouterie-Kalender 1913. © Museum im Prediger Schwäbisch Gmünd

Seit dem 18. Jahrhundert bis heute gehört die Fertigung von Judaica zum Repertoire der Schwäbisch Gmünder Edelmetallindustrie. In den 1920er Jahren beispielsweise zählten ein Besamim-Turm sowie zwei Varianten eines Chanukka-Luchters zur Produktpalette der Firma Pauser (gegründet 1820 von Nikolaus Ott), die von 1928 bis zur Stilllegung der Fabrik 1979 von Emil Pauser geführt wurde. Die Firma Otto Wolter (1875-1992) produzierte Chanukka-Leuchter, Besamim-Behälter, Kiddusch-Becher und Früchtedosen; diese Produkte gehörten aber nicht zum regulären Sortiment, sondern wurden über Händler ins Ausland, vor allem nach Holland, verkauft. Chanukka-Leuchter finden sich im Programm der Gebrüder Deyhle (1820-1998/99) ebenso wie in dem der Firma Gayer & Krauss (1919-1998) sowie der Gebrüder Kühn (gegründet 1860). Und bis heute führt unter den wenigen, noch produzierenden Manufakturen die seit 1895 familiengeführte Silberwarenmanufaktur Arthur Möhrle einen Chanukka-Leuchter im Angebot.

Eingebunden ist die Ausstellung in weitere Projekte zur jüdischen Geschichte Schwäbisch Gmünds, die im Verbund mit dem Stadtarchiv und der Volkshochschule entstehen, beispielsweise zur Arisierung in der NS-Zeit und zum Thema der »jüdischen Salons«.

Annonce der Silberwarenfabrik Wilhelm Binder im Illustrierten Bijouterie-Kalender 1913. © Museum im Prediger Schwäbisch Gmünd
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