Schwäbisch Gmünd, 2018

Reiner Maria Matysik. Seestück mit Gebilden

15. September – 25. November 2018

Schwäbisch Gmünd, 2018

Installation "Wesen"

Schwäbisch Gmünd, 2018

Reiner Maria Matysik, maestus vulgaris / gewöhn­licher unheilvoller. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018.. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018.

Schwäbisch Gmünd, 2018

Reiner Maria Matysik, pulcheria sensitiva / aller­liebste empfindliche. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018.

Schwäbisch Gmünd, 2018

Reiner Maria Matysik, anulus ambulans rubescens / kleiner rötlicher wanderring. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018.

Schwäbisch Gmünd, 2018

Installation "Seestück mit Gebilden"

Schwäbisch Gmünd, 2018

Reiner Maria Matysik

Ist Leben durch Kunst gestaltbar in einer Welt, in der Lebensformen nicht mehr nur durch Mechanismen der Evolution, sondern direkt von Menschenhand gesteuert werden? Ja, meint der Berliner Künstler Reiner Maria Matysik, geboren 1967 in Duisburg und seit 2016 Professor an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Seit Jahren reflektiert er wie kein Zweiter die Zukunft des Lebens im Zeitalter der Biowissenschaften und in einer durch den Menschen künstlich gestalteten Natur. Für den Ausstellungsraum der Galerie im Prediger fertigt der Künstler eigens die Installation »Seestück mit Gebilden«. Zusammen mit Arbeiten aus weiteren Werkgruppen gibt die Ausstellung vertiefende Einblicke in Reiner Maria Matysiks komplexes künstlerisches Arbeitsfeld.

Eröffnung
Freitag, 14. September 2018, 19 Uhr.
Der Künstler ist anwesend.

Es sprechen:
Julius Mihm, Bürgermeister
Dr. Ursula Ströbele, Institut für Kunstwissenschaft und Ästhetik der Universität der Künste Berlin
Dr. Monika Boosen, Leiterin Museum im Prediger

Zur Ausstellung
Reiner Maria Matysik ist fasziniert von der Biologie, die gleichsam seine Inspirationsquelle begründet. Seine Arbeiten sind ein Reflex auf den Umschlag, der sich im Verhältnis des Menschen zur Natur vollzogen hat. In einer vom Menschen gestalteten biotechnologischen Zukunft, die durch die Modifikation und Rekombination des genetischen Materials neue Lebensformen hervorbringt, sieht er ein schöpferisches Potenzial für künstlerische Ausdrucksformen einschließlich der Möglichkeit einer neuartigen Verbindung zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. An der Schnittstelle zwischen Mikrobiologie, physikalischer Manipulation und imaginärer Evolution entstehen Arbeiten in verschiedenen Kunstgattungen: im Bereich der Bildhauerei, Zeichnung, Installation, künstlerischer Fotografie, Performance und Videokunst. Anhand skulpturaler und installativer Arbeiten beleuchtet die Ausstellung in der Galerie im Prediger Aspekte dieses Schaffens.

Den Auftakt bildet eine Art neuzeitlich-naturkundliche Wunderkammer. Seit Mitte der 1990er Jahre bis heute führt Matysiks plastische Erforschung möglicher künftiger Lebensformen zur Gestaltung detailreich modellierter biomorpher Skulpturen, die neue, postevolutionäre Organismen darstellen. Von ihnen zeigt die Ausstellung ausgewählte Arbeiten, angefangen von frühen bis ganz neuen; inszeniert auf eisernen Industrieregalen, die man aus Naturhistorischen Museen kennt, tragen sie die Anmutung von Lebendigem ebenso in sich, wie sie gleichzeitig an medizinhistorische, zu Anschauungszwecken erstellte Präparate erinnern. Bei diesen Objekten handelt sich um Prototypen von imaginären Lebewesen aus Plastilin, PVC oder Gummi. Zu jedem Modell verfasste der Künstler eine Beschreibung mit dem wissenschaftlichen Namen des Organismus auf Latein, mit seinen Größenangaben, seinem Gewicht, seiner Gattung, seiner Ernährungsweise und weiteren physischen und physiologischen Charakteristika, ganz so, als ob es sich wirklich um ein echtes Wesen handeln würde. Diese „Wesen“, wie sie der Künstler nennt, entfachen eine erstaunliche Wirkung: es scheint, als betrachte man Amöben, Schwämme aus den Tiefen des Ozeans oder mikroskopisch vergrößerte Zellformationen. Tatsächlich aber sind sie bislang unbekannte, in der Fantasie des Künstlers mögliche Evolutionen von Mikroorganismen, die es nicht gibt (oder noch nicht gibt). Zwischen Faktischem und Fiktion verortet, konfrontieren uns Reiner Maria Matysiks Phantasiemodelle zukünftiger Organismen mit der Tatsache, dass die Evolution ein immerwährendes Spiel im Erbgut betreibt, in das der Mensch heute die Möglichkeit hat einzugreifen. Damit führen Matysiks „Wesen“ unweigerlich an Fragen heran: Wie weit sind wir angesichts von Genmanipulation und biologisch veränderbarer Organismen von dieser Zukunft noch entfernt? Wie werden diese Gebilde sich entwickeln?

Den Charakter einer Laborsituation vermittelt die mit „Vorhof“ bezeichnete Arbeit, die im weiteren Verlauf der Ausstellung zu sehen ist. Aus rein technischen Teilen, aus Herzklappen, Schläuchen und Lautsprechern hat Reiner Maria Matysik die Grundfunktion eines menschlichen Herzens nachgebaut. Die Arbeit kontrastiert mit einem barocken Herz-Jesu Altaraufsatz des Augsburger Goldschmieds Johann Ignaz Berthold (gest. 1794) aus den Sammlungen des Gmünder Museums. Ausgehend von der religiösen Symbolik, in der das Herz für den ganzen Menschen, für ein tiefes menschliches Inneres steht, eröffnet Matysiks Arbeit einen breiten Katalog an Fragestellungen. Beispielhaft wird sichtbar, wie sehr die Natur- und Technikwissenschaften die Welt – und damit auch das Herz – „entzaubert“ haben.

Einen großen Raum in der Ausstellung nimmt die eigens dafür entstandene Installation „Seestück mit Gebilden“ ein. Die Arbeit besteht aus Windmaschinen, einem rechteckigen, etwa fünf Meter breiten und zehn Meter langen hochreflektiven Gewebe, das sich über organisch geformten, aus gelber Knetmasse bestehenden, organoiden Gebilden ausbreitet. Darüber formieren sich Wolkengebilde aus Biokunststoff. Die Windmaschinen lassen das Gewebe sich wellenartig flatternd bewegen und erzeugen ein bewegtes Meer mit dazugehörigem Rauschen. In dieser höchst augenfälligen Konstruktion von Natur begegnet der Betrachter einer Ersatznatur und Simulation, die dazu anregt, über die kulturelle Konstruktion von Natur nachzudenken, die längst Teil ihrer Realität ist.

Ebenfalls in der Ausstellung vertreten ist eine neu entstandene Serie organisch anmutender, wasserbefüllter Glasobjekte, die Reiner Maria Matysik als „Wachstumsskizzen“ bezeichnet. Die Arbeiten, die der Künstler zusammen mit professionellen Glasbläsern fertigt, stellen ein geschlossenes System dar, in dem Wasser kondensiert. Analog zu Prozessen in der Natur bilden sie Formen ab, die ebenso gut gewachsen sein könnten. Wie die Werkgruppe der „Wesen“ befragen auch die Glasarbeiten von Reiner Maria Matysik die Entstehung des Lebens und Prozesse der Evolution, verbunden mit der Einladung an den Betrachter, dasselbe zu tun.

Biografie
Reiner Maria Matysik, geboren 1967 in Duisburg, lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und an den Ateliers Arnhem. 2004 leitete Matysik das künstlerische Entwicklungsprojekt Institut für biologische Plastik an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Von 2008 bis 2009 hatte er eine Vertretungsprofessur für Plastik an der FH Kunst Arnstadt inne, bis 2014 war er künstlerischer Mitarbeiter am Institut für architekturbezogene Kunst, Fakultät Architektur der Technischen Universität Braunschweig. Seit 2016 ist er Professor für Dreidimensionales Gestalten/Material. Form. Objekt an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Er ist Mitglied des Deutschen Künstlerbundes. Reiner Maria Matysik erhielt Stipendien von der Studienstiftung des deutschen Volkes, dem Kunstfonds e. V., dem DAAD, der KfW-Bank, der Stiftung Nord/LB Öffentliche sowie dem Berliner Senat. Über die Jahre wurden seine Arbeiten in ganz Europa ausgestellt, von der Kunsthalle Bern bis zur Fundación César Manrique in Lanzarote und dem Berliner Martin-Gropius-Bau.

Führung
Donnerstag, 8. November, 18 Uhr

Kunstwerkstatt@Museum
Samstag, 13. Oktober, 11-13 Uhr
für Mädchen und Jungen ab 6 Jahren in Kooperation mit
der Jugendkunstschule, Anmeldung: Telefon 07171 92515-0

Literatur trifft Kunst: Lesung des Gmünder Autorenkreises
Sonntag, 25. November, 15 Uhr

Öffnungszeiten
Di, Mi, Fr 14-17, Do 14-19, Sa, So und Feiertage 11-17 Uhr.
Montags geschlossen.

Informationen
Museum und Galerie im Prediger
Johannisplatz 3, 73525 Schwäbisch Gmünd
Telefon 07171 603-4130
www.museum-galerie-fabrik.de

 

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