Schwäbisch Gmünd, 2018

Gerda Bier. Figur und Gehäus – vom Gedächtnis der Dinge

2. Juni – 26. August 2018

Schwäbisch Gmünd, 2018

Gerda Bier

Schwäbisch Gmünd, 2018

Türrelikt, 1997, Holz, Eisen, 100 x 48 cm. Foto: Frank Kleinbach

Schwäbisch Gmünd, 2018

Blick in die Ausstellung, vorne links: Kreuzfigur, 1984, Holz, Eisen, H 170 cm. Foto: Frank Kleinbach

Schwäbisch Gmünd, 2018

Vor dem Sprung, 1996, Holz, Eisen, H 184 cm. Foto: Museum im Prediger

Schwäbisch Gmünd, 2018

Blick in die Ausstellung, vorne: Liegende Figur/sich aufrichtend, 1991, Holz, Eisen, L 200 cm. Foto: Frank Kleinnbach

Schwäbisch Gmünd, 2018

Schwarzes Tor mit Rot, 1991, Holz, Eisen, 51 x 33 cm. Foto: Künstlerin

Schwäbisch Gmünd, 2018

Wandbrett II, 1987, Holz, Eisen, 82 x 60 cm. Foto: Museum im Prediger

Gerda Bier, geboren 1943 und Trägerin des Erich-Heckel-Preises, gehört zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten Süddeutschlands. Seit ihrer Studienzeit an der Staatlichen Akademie für Werkkunst und der Hochschule der Künste in Berlin (1967-76) arbeitet sie als freischaffende Künstlerin. In den nunmehr fast 50 Jahren künstlerischer Arbeit ist ein in sich schlüssiges Werk entstanden, das große Eindringlichkeit, Ernsthaftigkeit und Relevanz kennzeichnet. Mit rund 40 ausgewählten Skulpturen, Wand- und Bodenobjekten aus annähernd 40 Schaffensjahren lässt die Ausstellung in der Galerie im Prediger ein ureigenes Œuvre sichtbar werden, das von einem zutiefst humanistischen Ansatz getragen wird. Zur Werkschau erscheint eine Broschüre. Eine ausführliche Besprechnung der Ausstellung nimmt der Kulturjournalist Rainer Zerbst in seinem Kulturblog vor.

Eröffnung
Freitag, 1. Juni 2018, um 19 Uhr
Es sprechen
Dr. Joachim Bläse, Erster Bürgermeister der Stadt Schwäbisch Gmünd
Dr. Martina Wehlte, Kunsthistorikerin, Hockenheim
Dr. Monika Boosen, Leiterin Museum im Prediger

Figur, Schrein und Gehäuse – mit der Benennung dieser drei Themenbereiche steckte Gerda Bier selbst einmal die wesentlichen Koordinaten ihres Werks ab. Kennzeichnend für ihr Schaffen sind figurative Skulpturen, Boden- und Wandobjekte sowie Materialcollagen. Allen Werkgruppen gemeinsam ist die Arbeit mit Fundstücken und alltäglichen Gegenständen. Die nimmt sie als Realien, befragt sie nach ihren künstlerischen Wirkungen und Aussagen, überarbeitet sie, um sie schließlich zu etwas Neuem zu formen. Diese Arbeitsweise verleiht den Werken Gerda Biers einen starken künstlerischen Ausdrucks- und Gestaltungswillen, dazu Authentizität sowie eine hohe materielle und reale Präsenz.
Ihre Skulpturen und Objekte baut sie mit großer Sorgfalt auf, gepaart mit handwerklichem Können. Anfangs steht die Suche nach dem Material. Vorherrschend ist die Arbeit mit Holz und Eisen. Verwendung finden vorgefundene, ganz profane, alltägliche Dinge, die deutliche Zeit- und Gebrauchsspuren in sich tragen: alte, rissige und schrundige Bretter, Eisen mit Rost, Holzkohle, trübes Glas oder deformiertes Blech. Die Stücke werden zusammengefügt, ergänzt, verschweißt, verklammert, verdübelt und in die von der Künstlerin gewollte Form gebracht. Dabei ist sie darauf bedacht, die Oberflächenstruktur der Fundstücke einschließlich der Gebrauchsspuren beizubehalten. Die eigengeschichtlichen Qualitäten, die die Gegenstände mitbringen, machen die Objekte ebenso rätselhaft wie authentisch.
Die von Gerda Bier verwendeten Materialien zeugen von Zerfallen, Zerbröckeln und Zeitlichkeit – und damit auch von vormaligem Leben. Sie besitzen eine gespeicherte, zuweilen geheimnisvolle Geschichte, die sie in die Werke hineintragen. Der Bedeutungsgehalt der Dinge verleiht den Arbeiten ein Gedächtnis. Altes, Abgenutztes und Alltägliches erhält eine Umwertung und wird bedeutungsvoll aufladen. „Es sind Mitteilungen und Geschichten, die ich aufnehme und an den Betrachter weitergebe – in veränderter Form“, so die Künstlerin.
Mittels der Sprache der Materialien verhandelt Gerda Bier existentielle und spirituelle Fragen, die auf das Wesenhafte des Daseins gerichtet sind. Im Mittelpunkt ihres Werks steht der Mensch und das, was das menschliches Leben ausmacht und prägt. Der Mensch taucht im Werk der Künstlerin in Form archetypischer, stark formreduzierter Figuren auf: sitzend, stehend, liegend oder thronend, oft auch als Torso. Die Figuren sind abstrahiert, schmal und fragil, besitzen kaum Volumen und strahlen eine konzentrierte Kraft aus. Sie legen offen dar, wie sie entstanden sind: aus additiv zusammengefügten Holzteilen, denen Bandagen aus Eisen Halt geben. Die Materialien werden nicht erhöht und auf die gestalterische Intention hin verarbeitet. Die Spuren des vormaligen Gebrauchs und die Patina der Materialien verstärken den Reiz der Figuren. Ferner verdeutlicht die unterschiedliche Materialität dessen, was die Künstlerin konstitutiv zusammengefügt und verbunden hat, das duale Prinzip zwischen Brüchigkeit und Stabilität, aber auch Verbundensein und Einengung. Damit spiegeln die Arbeiten die Verletzlichkeit und Endlichkeit menschlicher Existenz wider, aber auch Kraft und Würde, die trotz allem unverletzlich scheinen. Nicht zuletzt zeigen die Skulpturen, dass in der plastischen Abbildlichkeit und Ausbildungen der menschlichen Figur auch heute noch Überzeugendes möglich ist.
Die Werke von Gerda Bier stiften, wie Harald Siebenmorgen einmal zutreffend schrieb, „Gefühle Emotionen, Stimmungen, und das auf einer Basis, die sich jenseits des Glaubwürdigkeitsverlustes künstlerischer Aussagen befindet." Diese Wirkkraft beruht wesentlich auf der aktiven Mitbeteiligung des Betrachters an der Bildkonstitution, der sich auf sich selbst und auf existenzielle Grundfragen zurückgeworfen sieht. Ihre Arbeiten, in denen sich Zeiten übereinanderlegen und schichten, öffnen uns die Augen für die Spuren der Zeit und der Vergänglichkeit – und zugleich für die Unmöglichkeit, Gegenwart immer festzuhalten.

Führungen
Donnerstag,12. Juli und 9. August, jeweils 18 Uhr

Öffnungszeiten
Di, Mi, Fr 14-17, Do 14-19, Sa, So und Feiertage 11-17 Uhr.
Montags geschlossen.

Informationen
Museum und Galerie im Prediger, Johannisplatz 3, 73525 Schwäbisch
Gmünd, Telefon 07171 603-4130, www.museum-galerie-fabrik.de

 

Mit einem Stern * gekennzeichnete Felder bitte unbedingt ausfüllen.


Datenschutz