Frauenwege_2024_End (1)

Gmünder Frauenwege

„Die Philosophen haben die Welt bisher nur männlich interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie auch weiblich zu interpretieren, um sie menschlich verändern zu können.” aus Irmtraud Morgner, „Amanda. Ein Hexenroman”

Frauen in Schwäbisch Gmünd Lange vergriffen und nun wieder da – die Broschüre zu den Gmünder Frauenwegen im neuen Gewand! Die Gmünder Frauenwege stellen Frauen vor, die in Schwäbisch Gmünd ihre Spuren hinterlassen haben. Es gibt Pionierinnen, Kämpferinnen, Künstlerinnen. Jede einzelne Frau ist – im wahrsten Sinne des Wortes – bemerkenswert und Teil der Gmünder Stadtgeschichte. Entdecken Sie spannende Frauen und lassen sie sich inspirieren von ihren Lebens- und Wirkungsgeschichten! Der Blick in die Vergangenheit hat viel zu bieten: weibliche Identitäten, unterschiedliche Perspektiven und immer wieder neue Antworten auf aktuelle Fragen, denn an die Geschichte stellen wir die Fragen, die uns heute beschäftigen: An welche Menschen, an welche Frauen erinnern wir uns? Welche Leistungen und Lebenswege scheinen uns heutigen Menschen erwähnenswert? Wie konnten die Frauen ihr Leben selbstbestimmt und freiheitlich leben? Setzten sich die Frauen für Geschlechterdemokratie ein? Welche Visionen und Orientierungen hatten die historischen Frauen – welche weiblichen Vorbilder haben wir heute? „Frauen haben schon immer die Welt verändert“, schreibt Vera Weidenbach in ihrem Buch „Die unerzählte Geschichte“. Es ist das Verdienst der Gmünder Frauenwege, dass die Gmünder Frauen mit ihren Leistungen und Biographien als Handelnde in Geschichte und Gegenwart sichtbar werden. Elke Heer, Beauftragte für Chancengleichheit

1 4 7 6 3 5 8 10 11 14 15 Gmunder Frauenwege Der informative Stadtspaziergang durch Schwäbisch Gmund bietet Interessantes und Nachdenkliches zum Stand der Gleichberechtigung fruher und heute. Die Gmunder Frauenwege sind als Themenfuhrung buchbar oder individuell begehbar. Nähere Informationen gibt es im i-Punkt. i-Punkt Schwäbisch Gmünd Marktplatz 37/1 73525 Schwäbisch Gmünd Tel. 07171 603-4250 Fax 07171 603-4299 tourist-info@schwaebisch-gmuend.de www.schwaebisch-gmuend.de Öffnungszeiten: Mo bis Fr 9-18 Uhr, Sa 9-14 Uhr 12

1 9 1 Anna Ramsayer Rathaus 2 Luise Grimminger Rathaus 3 Beginen Klösterleschule 4 Lucie Stütz Stadtarchiv 5 Vinzentinerinnen Bocksgasse 20 6 Klara Fehrle Prediger 7 Agnes Herkommer Spital 8 Hildegard Meschenmoser Spital 2 9 Wilhelmine Keppler Rinderbacher Gasse 12 Irma Schmücker VHS Anna Straisserin Spital Else Mahler Spital Hexenprozesse Königsturm Yvonne Pagniez Münsterplatz 7 Katharina Czisch Freudental Erika Künzel Erika-Künzel-Platz 1 10 11 12 13 14 15 16 13 16

„Frauen werbt und wählt, jede Stimme zählt, jede Stimme wiegt, Frauenwille siegt! “ Elly Heuss-Knapp im Vorfeld der Wahlen 1918

Mit 3108 Stimmen wurde Anna Ramsayer am 25. Mai 1919 als erste Frau, Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokraten und als Kandidatin der Vereinigten Arbeiterpartei für drei Jahre in den Gmünder Gemeinderat gewählt. Auch wenn in den Gemeinderatsprotokollen wenig über die Aktivitäten von Anna Ramsayer vermerkt ist, so gilt sie dennoch als Pionierin der Gmünder Politik. Im Hintergrund von Karl Bihlmaier, dem ersten Mann der Vereinigten Arbeiterpartei, war sie die einzige, aber noch wenig beachtete Frau. Anna Ramsayer, aufgewachsen in einer typischen Arbeiterfamilie, verwitwet und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Maschinenschlosser Wilhelm Friedrich Ramsayer, schaffte den Sprung in den Gemeinderat kein zweites Mal. Dennoch begann mit ihr die neue Ära der Frauen in der Gmünder Stadtpolitik. Erinnerungsort: 1 Rathaus Anna Ramsayer geboren am 8. September 1878 als Anna Katharina Schniepp in Schwäbisch Gmünd gestorben am 11. Mai 1924 in Heubach Anna Ramsayer war die erste Gemeinderätin im Schwäbisch Gmünder Gemeinderat. Sie stammte aus einer Arbeiterfamilie und war Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokraten.

„Einst habe ich ein Weib erkoren und wenig später dann geschworen. Das will ich niemals wieder wagen. Doch soll man niemals‚niemals sagen ‘ Heut, da es an den Männern fehlt, die man von Herzen gern erwählt, wähl ich Luise, diese nette und kluge Gmünder Suffragette.“ Über Luise Grimminger

Luise Grimminger geboren am 24.12.1880 als Luise Nägele in Neunkirchen/Saar gestorben am 30.9.1967 in Schwäbisch Gmünd Die dreifache Mutter engagierte sich nicht nur im Gemeinderat sondern war auch Vorsitzende der Deutschen Demokratischen Partei und des Evangelischen Frauenbundes. Die erste Geschäftsreise unmittelbar nach ihrer Wahl in den Schwäbisch Gmünder Gemeinderat am 6. November 1922 führte Luise Grimminger nach Stuttgart mit dem Ziel, die „Herausgabe des Zuckers“ einzufordern. Während man sich in der Landeshauptstadt bereits an der Novembermenge erfreute, war in Gmünd noch nicht einmal der Oktober-Zucker zur Verteilung gelangt ... Ein Missstand, den es sofort zu beheben galt, der stellvertretend für die katastrophale Versorgungslage der Nachkriegsjahre stand. Luise Grimminger, Fabrikantengattin, Mutter dreier Töchter, Vorsitzende der Frauengruppe der Deutschen Demokratischen Partei und des Evangelischen Frauenbundes, führte eindrucksvoll vor, dass man ebenso Hausfrau und Mutter wie gleichzeitig Abgeordnete oder Gemeinderätin sein kann. Und beides gut macht – was einem Teil der Männerwelt damals absolut nicht in den Kopf wollte. Erinnerungsort: 2 Rathaus

„Unter dem Schutzmantel des Schweigens bleibe der Grund der Seele frei, ein Gestade in der Leere des Seins, jenseits aller Sprache und Vorstellung.“

Beginen Die Beginen waren eine mittelalterliche spirituelle Lebensgemeinschaft von Frauen. In Schwäbisch Gmünd sind sie seit 1400 nachweisbar. Ihr Motto war: „Eine jede möge sich durch ihrer eigenen Hände Arbeit ernähren können.“ Wollten oder konnten Frauen im Hochmittelalter nicht heiraten, so blieb ihnen oft nur das Kloster als Alternative mit lebenslangen Gehorsams- und Keuschheitsgelübden. Ein neuer Weg eröffnete sich mit der Beginenbewegung vor allem im 13. und 14. Jahrhundert. Beginen legten keine Ordensgelübde ab, suchten und fanden eigene spirituelle Lebensformen und lebten in Beginenhäusern oder Beginenhöfen. In Schwäbisch Gmünd wird schon um 1400 von Beginen berichtet. Am 15. Dezember 1445 stiftet Anna Hammerstätter ihr Haus auf dem Boden des späteren Klösterle. Das Zusammenleben der Beginen war ein Miteinander ohne feste Ordensregel. Wirtschaftliche Unabhängigkeit erlangten die Beginen durch Einbringen ihres Besitzes und durch ihre Arbeit. In Schwäbisch Gmünd machten sie es sich zur Aufgabe Kranken und Sterbenden beizustehen. Erinnerungsort: 3 Klösterleschule

„ Meine Schwester, die Schwermut, sitzt die ganze Nacht an meinem Bette und spielt. Mit schohweisen Fingern spielt sie. Tränen sind ihre Töne.“ Lucie Stütz

Lucie Stütz geboren am 18. Dezember 1894 in Leutkirch gestorben am 24. Januar 1982 in Schwäbisch Gmünd Die Lehrerin Lucie Stütz war nicht nur pädagogisch aktiv, sondern auch eine gefragte Schriftstellerin und Heimatforscherin. Ihren ersten literarischen Erfolg hatte sie mit 17 Jahren. Ein Aufsatz im Stuttgarter Tagblatt trug ihr eine Dauerfreikarte für die Stuttgarter Eisbahn Waldau ein. Einen ihrer letzten Erfolge feierte Lucie Stütz an ihrem 80. Geburtstag, als sie zu einer Lesung nach Schwäbisch Gmünd geladen wurde und das Publikum mit ihren schwäbischen Geschichten begeisterte. Dazwischen lag ein erfülltes schriftstellerisches Leben mit Ausflügen in die verstecktesten Winkel des Schwabenlandes und mit Reisen quer durch Europa. Dazwischen lagen aber auch die Höhen und Tiefen des Lehrerinnenberufes, den Lucie Stütz bis 1959 ausübte. Eine enge und schöpferische Freundschaft verband sie mit ihrer gleich gesinnten Kollegin, der Gmünder Pädagogin und Schriftstellerin Agnes Herkommer. Das literarische Werk von Lucie Stütz umfasst neben Beiträgen in Zeitungen und Zeitschriften sechs Buchveröffentlichungen. Erinnerungsort: 4 Stadtarchiv

„Das ist eure Sendung, Armen und Kranken menschgewordene Gottesgüte zu sein.“

Vinzentinerinnen Die katholischen Schwestern kamen 1852 nach Schwäbisch Gmünd und sanierten erfolgreich das Heilig-Geist-Spital. Auf Luciana, Benigna, Patrizia und Arcadia warteten große Herausforderungen, als sie Kaplan Zeiler am Abend des 7. August 1852 in Schwäbisch Gmünd, ihrem neuen Wirkungskreis, willkommen hieß. Zum einen mussten sie mit der Gmünder Niederlassung als Filiale der Straßburger Kongregation die Existenzberechtigung katholischer karitativer Schwestern nachweisen. Zum anderen galt es, die Gründung und Organisation eines selbständigen Mutterhauses vorzubereiten. Beide Aufgaben erfüllten sie mit Bravour. In nur wenigen Monaten brachten die Schwestern das Heilig-Geist-Spital und ebenso das Katharinenhospital wieder auf Vordermann. Der gute Ruf der Schwestern verbreitete sich schnell. Im Land, soweit es katholisch war, regte sich der Wunsch, auch für andere Anstalten und Spitäler Barmherzige Schwestern zu gewinnen. Im Jahr 1891 siedelte die Gemeinschaft nach Untermarchtal über, wo eine der Schwestern ein Schlösschen geerbt hatte. Die Zahl ihrer Einrichtungen für hilfsbedürftige, arme und kranke Menschen ist stetig gewachsen. Erinnerungsort: 5 Mutterhaus Bocksgasse 20

Klara Fehrle geboren am 1. März 1885 als Klara Menrad in Schwäbisch Gmünd gestorben am 10. Oktober 1955 in Schwäbisch Gmünd Aus Freude an optischen Begegnungen malte Klara Fehrle, und schuf mit wenigen klaren Grundtönen Werke von einer ungewöhnlichen Eigenart. Klara Fehrle begann 1914, „ihre angebliche Talentlosigkeit vergessend ... ohne jede Vorbildung zu malen“, wie ihr prominenter Ehegatte, der Bildhauer und Maler Jakob Wilhelm Fehrle, sagte. Sein Einfluss auf ihre Malerei bestand dabei „nur in der Ermunterung und nie in irgendeiner Hilfe“. Klara Fehrles Malerei ist intuitiv, auf die Leinwand gebannte Fantasie. Die Künstlerin malte Menschen und Tiere, Blumen und Landschaften, Genrebilder und religiöse Motive. Charakteristisch für ihre ausdrucksstarken Werke ist die effektvolle und wohl dosierte Farbgebung mit wenigen klaren Grundtönen. Klara Fehrle zählt zur ersten Generation naiver deutscher Künstler, ihre Tempera- und Ölbilder gehören zu den bedeutendsten Darstellungen naiver Kunst. Erinnerungsort: 6 Prediger „Dass ich mich verheirate, soll kein Grund sein, dass ich nichts werde.“ Paula Modersohn-Becker

„Leben, um zu lernen und zu lehren.“ Agnes Herkommer

Agnes Herkommer geboren am 25. Juni 1901 in Zimmern u. d. Burg gestorben am 17. Januar 1985 in Schwäbisch Gmünd Neben ihrer aktiven Zeit als promovierte Pädagogin schrieb Agnes Herkommer zahlreiche Romane und Biografien. Das Buch „Herimann der Lahme“ zählt zu ihren populärsten Werken. Die promovierte Pädagogin und Schriftstellerin lebte und wirkte seit 1928 in Gmünd, der Heimat ihres Vaters. Mehr als drei Jahrzehnte stand sie aktiv im Schuldienst, bevor sie sich 1965 zur Ruhe setzte. Mit ihrer Feder schuf sie eine respektable Reihe von Veröffentlichungen und schrieb zahlreiche Romane und Biografien. Die feinsinnige Lebensbeschreibung eines der gelehrtesten Männer des 11. Jahrhunderts zählt zu ihren populärsten Werken: „Herimann der Lahme“, 1947 erschienen, handelt von dem berühmten Mönch des Benediktinerklosters auf der Reichenau, der trotz Gebrechlichkeit zu den einflussreichsten Gelehrten seiner Zeit gehörte. Mit der Figur des körperlich eingeschränkten, geistig überragenden und menschlich hochsensiblen Herimanns zeichnet Agnes Herkommer zudem ein etwas anderes, zweifelsohne modernes Männerbild. Erinnerungsort: 7 Spital

„Geigentöne durch die Sommernacht – Wellen, die rauschend vorüberziehn An meinen einsamen Fenstern hin, - und in ihnen klingt und schluchzt und lacht Das ferne, das brandende Leben.“ Hildegard Meschenmoser

Hildegard Meschenmoser geboren am 16. Januar 1883 als Hildegard Waibel in Hausen, Oberamt Gaildorf gestorben am 19. Juli 1958 in Schwäbisch Gmünd Hildegard Meschenmoser fühlte sich zum Schreiben berufen. Ihre Dichtungen erschienen in angesehenen Zeitungen und Zeitschriften. Ebenso wie Agnes Herkommer und Lucie Stütz hat sich Hildegard Meschenmoser durch ihr literarisches Schaffen einen Namen gemacht. Als junge Beamtin kam die Lehrerstochter an das Postamt Gmünd, ließ sich nach Wangen im Allgäu versetzen und kehrte zusammen mit ihrem Mann, dem Leiter der Gmünder Ortskrankenkasse, wieder zurück. Hildegard Meschenmoser fühlte sich zum Schreiben berufen. Ihre von tiefer Gläubigkeit durchdrungenen Dichtungen erschienen in angesehenen Zeitungen und Zeitschriften. In kraftvoll lebendiger Sprache verfasste sie den Roman „Centurion“; die Erzählung „Welt unterm Taubenschlag“ erhielt 1952 beim Literaturwettbewerb von Württemberg-Hohenzollern eine besondere Anerkennung. In ihrer letzten Schrift „Im Zeichen des Einhorn“ lässt Hildegard Meschenmoser Szenen aus der Gmünder Stadtgeschichte wieder lebendig werden: eine Hommage an ihre Heimat. Erinnerungsort: 8 Spital

„Selten hat eine Frau so viel soziales Empfinden in Wort und Tat gezeigt wie sie. Durch das Margaritenheim hat sie ein dauerndes Denkmal gesetzt.“ Wilhelmine Keppler

Wilhelmine Keppler geboren am 8. Juni 1864 als Wilhelmine Schleppegrell in Charleston, S.C., USA 1922 kehrt sie in die USA zurück, stirbt dort 1953 Von 1900 bis 1922 lebte Wilhelmine Keppler in Schwäbisch Gmünd und hinterließ bedeutende Spuren. Das Margaritenhospital und der Kindergarten St. Paul gehen auf ihre Initiative zurück. Durch ein Brandunglück schwer geschädigt und mittellos kam die deutsch-amerikanische Familie Keppler zurück nach Deutschland und siedelte im Jahr 1900 nach Gmünd um. Wie zuvor in den USA kümmerte sich Wilhelmine Keppler mit der tatkräftigen Unterstützung ihres Mannes dem Gymnasialprofessor Johann Keppler um Kindergärten. Sie war Mitbegründerin des Kindergartens St. Paul und Leiterin des 1918 eingerichteten Kindergärtnerinnen-Seminars. Mit ihrer unermüdlichen Tatkraft gründete sie 1917 den Katholischen Frauenbund, Zweigverein Gmünd, und bereitete ein Jahr später die Gmünderinnen auf ihre erste Wahl vor. Auch die Gründung des Margaritenhospitals 1918/19 geht auf Wilhelmine Keppler zurück, ebenso die vermutlich erste ökumenische und ausschließlich von Frauen initiierte Zusammenarbeit in Schwäbisch Gmünd: Die Kinderkriegsküche verteilte während des Ersten Weltkriegs knapp 168.000 Mahlzeiten an bedürftige Gmünder Kinder. Erinnerungsort: 9 Rinderbacher Gasse 12

„Wenn wir uns eine denkende und verantwortungsbewußte Jugend wünschten, mußten wir uns nicht nur an junge Menschen, sondern auch an ihre Eltern und Lehrer wenden. Daher Erwachsenenbildung! “ Irma Schmücker

Irma Schmücker geboren am 30. Dezember 1912 als Irma Schumann in Magdeburg gestorben am 22. Dezember 2001 in Schwäbisch Gmünd Die NS-kritische Irma Schmücker gründete im Jahr 1946 die Volkshochschule in Schwäbisch Gmünd. Mit ihrem erklärten Ziel, dort auch die NS-Zeit systematisch aufzuarbeiten, war sie ihrer Zeit weit voraus. 600 Hörer und Hörerinnen schrieben sich spontan für die Kurse des ersten Trimesters ein, als die Volkshochschule Schwäbisch Gmünd am 11. September 1946 offiziell eröffnet wurde. Dies war ein voller Erfolg für Irma Schmücker, die Gründerin der Gmünder VHS. Seit Kriegsende hatte sie sich unermüdlich für die institutionalisierte Erwachsenenbildung eingesetzt. Irma Schmücker studierte Philosophie, Geschichte, Kunstgeschichte, Italienisch und Deutsche Literatur, blieb jedoch ohne Abschluss, da sie dem NS-Regime keine Konzessionen machte. Zusammen mit ihrem Mann kam die durchsetzungs- fähige Frau 1944 nach Schwäbisch Gmünd mit dem euphorischen Wunsch, den erschreckenden kulturellen Nachholbedarf zu füllen und nach jahrelanger Abgeschnittenheit den Anschluss an das europäische Geistesleben wieder zu finden. Erinnerungsort: 10 Münsterplatz 15

Als Anna Straisserin, die Tochter eines reichen Fernhändlers, 1443 dem Spital die bedeutende wohltätige Stiftung in Höhe von 2000 Pfund Heller entrichtete, war sie Witwe und führte den Handel ihres verstorbenen Mannes weiter. Mit ihrem Beitrag sicherte sie die Versorgung der acht ärmsten und kränkesten Personen im Spital. Ihre großzügige Stiftung wurde vom Spital mit der Einrichtung der „Straisserin-Stube“ gewürdigt. Witwen hatten damals unter den Frauen die beste Möglichkeit, frei über ihr Vermögen zu bestimmen und selbständige Entscheidungen zu treffen. Die Händlerin Anna Straisserin war eine der ersten erfolgreichen Unternehmerinnen in Schwäbisch Gmünd und verband ihren wirtschaftlichen Erfolg mit sozialem Engagement. Erinnerungsort: Anna Straisserin 15. Jahrhundert Sie übernahm das Handelsgeaschäft ihres verstorbenen Mannes und wurde eine erfolgreiche Unternehmerin in Schwäbisch Gmünd. 11 Spital

„ Ich weiß die Ehre zu schätzen, die erste Frau zu sein – aber ich werde nicht die Letzte sein.“ Elinor Ostrom

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Frauen der Zutritt zu den Universitäten und Wissenschaften rechtlich verwehrt und die Männerwelt verbreitete das Schreckensbild des akademischen Blaustrumpfes, des Mannweibs, das Heim und Herd verkommen lässt. Trotzdem begannen bereits die ersten Frauen ihr Studium, so auch Else Mahler, die Tochter des Chefarztes vom Hospital zum Heiligen Geist, Dr. Alfred Wörner. Während des Ersten Weltkrieges arbeitete sie als Medizinstudentin in der Krankenpflege im Spital. Für ihre Passion, kranken Menschen zu helfen, und ihre tatkräftige Mitarbeit im Spital erhielt sie eine Auszeichnung. Sie promovierte, heiratete, wurde Mutter eines Sohnes und praktizierte über 50 Jahre als erste niedergelassene Ärztin in Schwäbisch Gmünd bis zu ihrem Tod. Erinnerungsort: Else Mahler geboren am 18. März 1893 als Else Wörner in Hechingen gestorben am 7. Februar 1974 in Schwäbisch Gmünd Else Mahler, die erste niedergelassene Ärztin in Schwäbisch Gmünd absolvierte als eine der ersten Frauen ein Medizinstudium. 12 Spital

„Also schlecht ist das Weib von Natur, da es schneller am Glauben zweifelt, auch schneller den Glauben ableugnet, was die Grundlage für die Hexerei ist.“ Hexenhammer

Gefoltert und eingekerkert im Verlies des Königsturms, einem düsteren, feuchten Loch mit einer einzigen Öffnung an der Decke, erwartet fünf Frauen am 18. Oktober 1613 ein grauenhaftes Schicksal: Melchior Königs Weib – genannt Hutzelmeisterin, Michel Königs Weib – die alte Sterbeina genannt, des Jacob Majers Weib – Sochanna genannt, die alte Schiehlerin und das Trabelin verbrennen auf dem Scheiterhaufen. Nach dem ersten Hexenbrand fielen der Gmünder Verfolgungswelle von 1613 bis 1617 etwa 50 Frauen zum Opfer; mit einer kleineren Verfolgungswelle finden die Gmünder Hexenhinrichtungen 1684 ihr Ende. Die Hexenverfolgungen und Hexenverbrennungen hatten ihren Ursprung in einem alten Aberglauben, dumpfer Frauenfeindlichkeit und in einer diffusen Angst vor einem „geheimen“ Heil- und Zauberwissen der Frauen. Die Zeit des Hexenwahns forderte in Deutschland und Europa Tausende von Menschenopfern, der überwiegende Teil der Verfolgten sind Frauen. Erinnerungsort: Hexenprozesse in Schwäbisch Gmünd 17. Jahrhundert In zwei Wellen wurde auch in Schwäbisch Gmünd den als Hexen verdächtigten Frauen der Prozess gemacht. 13 Königsturm

„Alle die, die durch furchtbare Prüfungen hindurchgegangen sind, wollen sich mit ihrem ganzen Sein dieser Sendung widmen, Europa eine Seele geben.“ Yvonne Pagniez

Die bewegten und dramatischen Tage des Kriegs- endes im April 1945 erlebte die gebürtige Bretonin Yvonne Pagniez gezwungenermaßen in Schwäbisch Gmünd. Als Mitglied der französischen Résistance wurde sie im Juni 1944 von der Gestapo in Paris festgenommen und in das KZ Ravensbrück deportiert. Von dort gelang ihr eine abenteuerliche und gefährliche Flucht bis sie am Bodensee wieder verhaftet, und wegen der begangenen „Grenz- und Passvergehen“ in die Haftanstalt Gotteszell gebracht wurde. Ihre Zeit in Deutschland verwertete sie autobiografisch in ihren Romanen und erlaubte damit einen neuen Blick auf Nazi-Deutschland. Für „Évasion 44“ erhielt sie 1949 die höchste französische Literaturauszeichnung, den Großen Preis der Académie Française. Nach dem Kriegsende waren der engagierten Journalistin und Katholikin die Völkerverständigung, Versöhnung und die beginnende Frauenbewegung wichtige Missionen. Sie blieb zeitlebens eine wachsame und kritische Beobachterin ihrer Zeit – schreibend und handelnd. Erinnerungsort: Yvonne Pagniez geboren am 10. August 1896 in Cauroir gestorben am 18. April 1981 in der Bretagne Als Mitglied der französischen Résistance erlebte Yvonne Pagniez die bedrückende Zeit in Nazideutschland zuletzt in der Haftanstalt Gotteszell in Schwäbisch Gmünd. 14 Münsterplatz 7

„Not erkennen und tätig werden.“ Katharina Czisch

15 Freudental Die Berufsträume ihrer Jugendzeit, den Armen unter den Menschen das Leben zu erleichtern, konnte die Juristin Katharina Czisch nach dem Zweiten Weltkrieg verwirklichen. Die „Nothilfe“ in Schwäbisch Gmund grundete sie 1946 zusammen mit ihrer Freundin Gabriele Martis-Schoch und versorgte daruber tausende Vertriebene und Fluchtlinge mit Einrichtungsgegenständen und Lebensmitteln, die diesen Menschen weitgehend fehlten. In der Zeit des Nationalsozialismus setzte sich Katharina Czisch fur Verfolgte ein. Dabei stand sie selbst unter großem Druck als Ehefrau eines „Halbjuden“ – wie es damals hieß – und Schwester eines Sozialisten, der kurz vor Kriegsende von den Nazis erschossen wurde. Nach dem Tod ihres Mannes Franz Czisch, des ersten gewählten Gmunder Oberburgermeisters nach dem Krieg, zog die funffache Mutter1956 nach Stuttgart. Sie half dort das Kinderhilfswerk Terre des Hommes aufzubauen. Mit Manfred Rommel zusammen sorgte sie dafur, dass kriegsversehrte Kinder aus Vietnam in Stuttgarter Kliniken behandelt wurden. Erinnerungsort: Katharina Czisch geboren am 7. September 1909 als Katharina Probst in Leer/Ostfriesland gestorben am 21. Januar 1999 in Stuttgart Nach dem Krieg hat Katharina Czisch die Nothilfe in der Stadt aufgebaut und viel getan, um die Not vieler durch den Krieg und dessen Folgen nach Gmünd gekommener Menschen zu lindern.

„Was bleibt, sind die Dinge, die Lieder, die Worte, die sie durch den Tag getragen haben.“ Erika Kunzel

Viele Gmunder Grundschulkinder verdanken Erika Kunzel kostenlosen Musikunterricht: Die kunstsinnige Gmunderin stiftete das Millionen-Vermögen aus ihrer Ehe mit dem Reutlinger Widerstandskämpfer und Burgermeister Otto Kunzel an die Gmunder Musikschule und hinterließ so etwas nachhaltig Bleibendes fur ihre Stadt. Die eigene kunstlerische Aktivität war fur die Förderin und Gönnerin der Gmunder Kultur selbstverständlich: Sie malte uber Jahre hinweg jeden Tag ein Bild und schrieb täglich ein Gedicht. Ihr Wissen um das Los der Zwangsarbeiterinnen aus dem Osten, die während des Zweiten Weltkriegs im Vogelhofstollen zur Schwerstarbeit gepresst worden waren, fuhrte dazu, dass sie den Stollen später ausbaute und zu einem besonderen Refugium machte, das jetzt fur interessierte Gäste zugänglich ist. Über Schwäbisch Gmund hinaus erhob die Vogelhof-Bewohnerin ihre Stimme fur Anliegen, die ihr wichtig waren, und wandte sich zeitlebens mit zahlreichen Anschreiben an die Mächtigen der Welt gegen Krieg und Gewalt. Erinnerungsort: Erika Kunzel geboren am 18. Mai 1924 als Erika Beck in Schwäbisch Gmund gestorben am 19. Juni 2008 in Schwäbisch Gmünd Erika Künzel hinterließ ihr Vermögen der Städtischen Musikschule. Die daraufhin gegründete ErikaKünzel-Stiftung unterstützt die musikalische Bildung z.B. mit musikalischer Frühförderung und Begegnungsmöglichkeiten und Begabtenförderung. 16 Erika-Künzel-Platz 1

Motivation und Inspiration durch Vorbilder Vorbilder geben uns Orientierung und Sicherheit und dienen uns als positives Beispiel und Beweis, dass ein Ziel grundsätzlich erreichbar ist. Viele unserer Vorbilder sind bis heute männlich geprägt, Frauen wurden meist nur in der vorbildlichen Rolle als Mutter oder treusorgenden Ehefrau gesehen. Sind Biografien von Frauen bekannt, wird gerne als „Frau von“ oder „Tochter von“ erzählt. In technischen Bereichen hingegen wurden die Leistungen vom Frauen gerne Männern zugeordnet oder überhaupt nicht erwähnt. Es ist umso bemerkenswerter, wenn Frauen die vorbestimmten Wege verlassen und neue Wege suchen, gegen den Widerstand der Tradition, gegen Demütigungen und Anfeindungen derjenigen, die es sich auf ihren eingetretenen Pfaden bequem eingerichtet haben. Jede Frau, die aus der Reihe überholter Normen tritt, im Kleinen oder Großen, im privaten oder öffentlichen Leben, ist eine Wegbereiterin für alle, die ihrem Beispiel nun folgen können. Mein großer Dank gilt allen Frauen, die uns diese positive Orientierung gegeben haben und geben. Nehmen wir sie als Vorbilder für uns und künftige Generationen. Angela Herzog, Frauenforum

„Die Welt verändert sich durch dein Vorbild, nicht durch deine Meinung.“ Paulo Coelho „Indem man ihnen das Wissen der eigenen Geschichte entzog, beraubte man die Frauen ihrer Heldinnen- und Rollenmuster.“ Gerda Lerner

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