Stadtgeschichte

Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd
Foto: Prade

Zwei Denkmäler erinnern an Köhler, Haidner und Probst, die von den Nationalsozialisten hingerichtet wurden.

Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Bald nach der „Machtergreifung“ wurden auch in Gmünd die Mitglieder der kommunistischen Partei verhaftet und in Konzentrationslager eingeliefert. Im April 1933 traf es auch Lina Haag, die im Türlensteg 20 wohnte und die eine führende Persönlichkeit der hiesigen KPD war.  Nach ihrer Entlassung aus mehreren „Schutzhaftlagern“ gelang es ihr, zum „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler vorzudringen und die Freilassung ihres inhaftierten Mannes, des kommunistischen Landtagsabgeordneten Alfred Haag, zu erwirken.

In der Nacht vom 12./13. April 1938 randalierten vor dem Kaplaneihaus etwa 40 Nationalsozialisten, sie warfen mit großen Steinen die Fenster ein, demolierten das Haus, griffen den katholischen Dekan Dr. Großmann an und brüllten: „Heraus mit dem schwarzen Hund, heraus mit dem Verräter, der kommt nicht lebend vom Platz!“ Die Randalierer zogen dann weiter in die Münstergasse vor das Haus des Kaplans Schmidt, auch dort wurden Scheiben und die Haustüre eingeschlagen, aber auch geschossen. Dann fuhren sie nach Waldstetten, stürmten dort das Pfarrhaus und belästigten Pfarrer Treiber. Alle drei Geistlichen wurden in „Schutzhaft“ genommen und durften in Württemberg keine Pfarrei mehr übernehmen.

Der Grund für den Pfarrhaussturm ist darin zu suchen, dass sich alle drei Pfarrer schon seit Jahren als Gegner des Nationalsozialismus exponiert hatten. Sie lehnten die 1936 eingeführte Deutsche Volksschule ab und wollten die katholische Bekenntnisschule beibehalten. Ferner betrieben sie eine erfolgreiche Jugendarbeit und wandten sich in ihren Predigten gegen die nationalsozialistische Weltanschauung. In ihrer Haltung wurden sie von Bischof Johann Baptista Sproll bestärkt, der anlässlich einer Männerwallfahrt auf dem Rechberg eine sehr systemkritische Predigt hielt, die hier stark beachtet wurde. Zeitgleich mit dem Pfarrhaussturm kam es zu wüsten Ausschreitungen gegen Bischof Sproll in Rottenburg, in deren Folge er aus seinem Bistum verbannt wurde.

Enthauptet wurde 1943 der Bankdirektor Hermann Köhler, der im Zug abfällige Äußerungen über Hitler gemacht hatte. Er wurde angezeigt und vor dem Volksgerichtshof wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tod verurteilt. Besonders grausam war die Ermordung von Robert Haidner und Heinrich Probst am 19. April 1945, nur wenige Stunden vor dem Einmarsch der Amerikaner in Schwäbisch Gmünd. Beide, die sich zufällig begegnet sind, haben in der Heugenstraße gerufen: „Hitler verrecke, es lebe Oberst Stauffenberg, es lebe die Freiheit!“ Sie wurden verhaftet und obwohl kein Standgericht einberufen werden konnte, wurden sie auf Befehl des Kreisleiters Oppenländer und des Kampfkommandanten Hössle erschossen.

Mit diesem Verbrechen verabschiedete sich die Kreisleitung aus unserer Stadt und setzte sich fluchtartig nach Süden ab. Oppenländer wurde gefangen genommen und wurde - auch weil er für den Pfarrhaussturm verantwortlich war - zu zwölf Jahren und vier Monaten Zuchthaus verurteilt. Er musste aber diese Strafe nur bis Ende 1951 verbüßen.

(Ulrich Müller, 850 Jahre Stadtgeschichte Schwäbisch Gmünd, 2012)

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