Stadtgeschichte

Migranten in Schwäbisch Gmünd

Rems-Zeitung, 10. Mai 1961
Rems-Zeitung, 10. Mai 1961

Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Zeitungen, Rems-Zeitung, 10. Mai 1961

Mitte der 50er Jahre setzte in Deutschland ein starker wirtschaftlicher Aufschwung ein, der mit den vorhandenen Arbeitskräften auf die Dauer nicht zu bewältigen war. Deshalb wurden mit den Mittelmeerländern auf Regierungsebene Abkommen geschlossen, um Arbeiter nach Deutschland anzuwerben. Das erste Anwerbeabkommen wurde 1955 mit Italien geschlossen, 1960 mit Griechenland und Spanien, 1961 mit der Türkei, 1963 folgten Marokko, 1964 Portugal, 1965 Tunesien und 1968 Jugoslawien.

Der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften war so groß, dass sie 1971 bereits 10,3% der Arbeitnehmer stellten, zusammen mit Familienangehörigen waren das fast vier Millionen Menschen. Auch der wirtschaftliche Aufschwung der Gmünder Firmen, wäre in diesem Ausmaß ohne ihren Einsatz nicht denkbar gewesen. Bei der Zahnradfabrik z.B. betrug der Anteil der „Gastarbeiter“ bis zu 24 %. Da in Folge der Ölkrise die deutsche Wirtschaft zurückging und die Arbeitslosigkeit zunahm, wurde 1973 ein Anwerbestopp erlassen. Weitere Ausländer konnten über die Familienzusammenführung nach Deutschland kommen.

Die fremden Arbeiter wurden als „Gastarbeiter“ bezeichnet, weil die deutschen Behörden, aber auch die Entsendeländer, davon ausgingen, dass die Arbeiter nur einige Jahre in Deutschland bleiben und dann in ihre Heimat zurückkehren würden, um dort eine neue Existenz aufzubauen. Ende der 90er Jahre hat sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, dass viele der Arbeitsmigranten dauerhaft mit ihren Familien hier bleiben wollen und dass auch Deutschland infolge des starken Geburtenrückgangs auf ständige Zuwanderung angewiesen ist. Die Integration dieser Menschen in die deutsche Gesellschaft ist die zentrale Aufgabe der nächsten Jahrzehnte in Deutschland, aber auch in Schwäbisch Gmünd. Die Größe der Aufgabe wird einem bewusst, wenn man sich klar macht, dass 35% der Gmünder Einwohner einen Migrationshintergrund haben. Das sind 21 087 von 60 268 Einwohnern. Von diesen 21 087 sind 7 889 Ausländer. 13 198 Personen sind deutsche Staatsbürger, die zu 14,3% als Spätaussiedler aus Osteuropa vor allem aus Russland, Polen oder Rumänien nach Deutschland gekommen sind. Die Gruppe der Eingebürgerten und Doppelstaatler stellt mit 4 595 Personen einen Anteil von 7,6% der Gesamtbevölkerung.

Um die Integration zu fördern, wurde von der Stadt ein Integrationsbeirat geschaffen, dem Ausländer, eingebürgerte Zuwanderer, Aussiedler und Gemeinderäte angehören, und der die Aufgabe hat, die Interessen aller Menschen mit Migrationshintergrund zu vertreten. In einer repräsentativen Umfrage wurde 2008 ermittelt, dass zwischen Migranten und Einheimischen in Schwäbisch Gmünd „keine signifikanten Unterschiede in der allgemeinen Bewertung der Lebensbedingungen“ festzustellen waren. D.h. die meisten waren insgesamt zufrieden. Große Unterschiede ergaben sich allerdings bei der wahrgenommenen Diskriminierung. So klagen Migranten häufig über Diskriminierungen am Arbeitsplatz, bei der Arbeits- und Ausbildungssuche, bei der Wohnungssuche, aber auch bei kommunalen Ämtern und in Schulen.

(Ulrich Müller, 850 Jahre Stadtgeschichte Schwäbisch Gmünd, 2012)

Rems-Zeitung, 10. Mai 1961

Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, Zeitungen, Rems-Zeitung, 10. Mai 1961

Bau der Moschee 2011
Foto: Prade
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