THE LAST UNICORN. Das Einhorn im Spiegel der Popkultur

Figurenuhr Einhorn, um 1600, Augsburg, Bronze und Messing, vergoldet (Gehäuse), Silber, emailliert (Zifferblatt), Messingplatine, Eisenräder (Werk), Ebenholz, Silber (Sockel) 40 × 27 × 18 cm (mit Sockel). © Museum im Prediger, Foto: Frank Kleinbach, Stut

Bis heute beflügelt das Einhorn die menschliche Fantasie. »We live forever!« erklärt das wundersame Tier pathetisch in »The Last Unicorn«, dem Zeichentrickfilm von Jules Bass und Arthur Rankin Jr. aus dem Jahr 1982 nach dem gleichnamigen, 1968 erschienenen Roman von Peter S. Beagle. Erzählt wird die Geschichte eines Einhorns, das sich aufmacht, seine verloren geglaubten Artgenossen zu finden. Zum Schutz gegen böse Mächte wird das Einhorn in eine schöne Frau verwandelt. In dieser Gestalt entwickelt es menschliche Gefühle wie Angst und Leid, aber auch Freundschaft und Liebe. Schließlich gelingt es dem Einhorn, mit der Befreiung seiner Artgenossen »das Wunderbare« in der Welt zu retten.
Über die Lesart als Fantasy-Epos der Popkultur hinaus dreht sich die visionäre Perspektive von Buch und Film um die gesellschaftliche Frage »wer bin ich, wer darf ich sein?«, verbunden mit der vielschichtigen Suche nach persönlicher Identität, nach Bewusstsein, Erinnerung und Geschichte im Leben und in der Entwicklung eines Menschen.

Figurenuhr Einhorn, um 1600, Augsburg, Bronze und Messing, vergoldet (Gehäuse), Silber, emailliert (Zifferblatt), Messingplatine, Eisenräder (Werk), Ebenholz, Silber (Sockel) 40 × 27 × 18 cm (mit Sockel). © Museum im Prediger, Foto: Frank Kleinbach, Stut
Paul Hutchinson (* 1987), Aria, Boppstraße, 2017, C-Print, 70 × 50 cm, Sammlungen Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd. © VG-Bild Kunst, Bonn 2020. Courtesy Knust Kunz Gallery Editions, München und Russi Klenner, Berlin. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.

Die assoziativen Ebenen und Fragen von Buch und Film nimmt das Museum im Prediger zum Ausgangspunkt der Ausstellung THE LAST UNICORN. DAS EINHORN IM SPIEGEL DER POPKULTUR, die vom 31. Mai 2020 bis zum 10. Januar 2021 zu sehen ist. Anknüpfungspunkt ist die nahezu 750-jährigen Tradition des Einhorns als Schwäbisch Gmünder Wappentier, die in den historischen Beständen der Museumssammlung in Malerei, Grafik, Skulptur und Kunsthandwerk reich dokumentiert ist. Die Schau verdichtet die Roman- und Filmhandlung inhaltlich zu fünf Kapiteln mit Prolog und interpretiert diese sehr gegenwartsbezogen. Achtzig ausgewählte Werke verschiedener Epochen und Gattungen treten inmitten farbintensiv gestalteter Ausstellungsräume in einen beziehungsreichen Dialog. Die Werkauswahl fokussiert indes weniger das offensichtlichen Motiv des Einhorns, sondern vielmehr die hintergründigen, vielschichtigen Themen, die in Buch und Film angesprochen werden. Der Bogen spannt sich von Albrecht Dürer über Emanuel Leutze, Max Ernst, Marc Chagall, Nan Goldin, Ed Ruscha und Meissen Atelier bis zu zeitgenössischen Werken internationaler Künstler, die den Surrealismus wie auch die psychedelische Farbigkeit und Ästhetik der 1980er Jahre ansprechen. Vertreten sind neben den klassischen künstlerischen Gattungen die Medien Film, Fotografie, Diaprojektion und Installation. Im Zentrum steht der Film von 1982, der im Loop zu sehen ist.

Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit Martina Tauber Fine Art, München. Zur Präsentation liegt ein Katalog auf, der neben Raumaufnahmen drei Essays enthält und alle ausgestellten Werke abbildet (136 Seiten, 25 Euro).

Paul Hutchinson (* 1987), Aria, Boppstraße, 2017, C-Print, 70 × 50 cm, Sammlungen Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd. © VG-Bild Kunst, Bonn 2020. Courtesy Knust Kunz Gallery Editions, München und Russi Klenner, Berlin. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.

Der Film

Installationsansicht THE LAST UNICORN, Kapitel 2/3, mit Arbeiten von Mike Kraus, Philipp Messner, Wilhelm Widemann und Filmstill aus »The Last Unicorn«, 1982 (v. l. n. r.). © Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.

»The Last Unicorn« erzählt von einem Einhorn, das sein Refugium, den idyllischen Einhornwald verlässt, um sich auf die gefährliche Suche nach seinen verschwundenen Artgenossen zu machen. Auf seinem Weg in das finstere Reich des traurigen Königs Haggard, der alle Einhörner von seinem flammenden Stier im Meer gefangen hält, muss es sich gegen Räuber und böse Hexen verteidigen. Zum Schutz gegen den roten Stier wird das Einhorn von einem Zauberer in eine Prinzessin verwandelt, die in dieser Gestalt menschliche Gefühle wie Zuneigung und Furcht entwickelt. Doch mit Hilfe des Königssohns Lír schafft es das Fabelwesen, Haggards Macht zu brechen. Als seine Burg zerfällt, entsteigen dem Meer unzählige Einhörner und bevölkern wieder die Erde. So gelingt es dem letzten Einhorn, »das Wunderbare« in der Welt vor dem Aussterben zu retten.

Mit viel Symbolik und Melancholie durchwoben, widersetzt sich die Filmfassung den gängigen Disney-Geboten nach Eindeutigkeit und Happy End. Auch mutet er Film einiges an Monstern und Gewaltdarstellungen zu, die durch ihre Drastik provozieren. Die behandelten Themen, etwa der Kampf zwischen Gut und Böse oder die Konfliktsituationen in Selbstfindungs- und Entscheidungsprozessen, beinhalten viele Einsichten, die zeitlos sind. Ferner gibt die vom Roten Stier betriebene Vernichtung der Einhörner Anlass, über die Verfolgung von Minderheiten oder die derzeit drängenden natur- und klimapolitischen Fragestellungen nachzudenken. An den vielfältigen Themen des und Fragen des Films knüpft die Ausstellung an.

Installationsansicht THE LAST UNICORN, Kapitel 2/3, mit Arbeiten von Mike Kraus, Philipp Messner, Wilhelm Widemann und Filmstill aus »The Last Unicorn«, 1982 (v. l. n. r.). © Museum im Prediger, Schwäbisch Gmünd. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.

Die Ausstellung

Grit Richter (* 1977), Hier möcht‘ ich gern für immer bleiben, 2018, Klarglas, Filterglas, Leuchtstoff, Rotgas, Blaugas, Kabel, Silikonkappen und Transformator, 31 × 49 cm, Auflage 8 Exemplare + 1 AP. © the artist, Courtesy of the artist, Galerie Tanja W

Gleich im Prolog von THE LAST UNICORN akzentuiert Grit Richters Lichtarbeit »Hier möcht’ ich gern für immer bleiben« zentrale Aspekte und Fragestellungen der Ausstellung: Was ist das für ein Ort, den die Künstlerin beschwört? Ist dieser Ort real? Ist er nur eine künstlerische Idee, eine gesellschaftliche Utopie, an dem alles schöner und gerechter ist, oder ein Ort, wo Wünsche, Träume und Ahnungen beheimatet sind und wahr werden können? Und was bedeutet »für immer« vor dem Hintergrund, dass Endlichkeit integraler Bestandteil menschlichen Lebens ist? Richters Neonarbeit in Form eines umgekehrten Regenbogens verschiebt zugleich die uralte Vorstellung, dass das Einhorn seiner frühesten Überlieferung nach von regenbogenfarbener Gestalt war, in einen gegenwärtigen künstlerischen Kontext. Diesen Faden nehmen im weiteren Verlauf der Ausstellung sowohl die Serie »Rainbows…« von Olaf Nicolai als auch der im regenbogenfarbenen Airbrush Look gestaltete Porzellanpanther von Meissen Atelier auf.

Grit Richter (* 1977), Hier möcht‘ ich gern für immer bleiben, 2018, Klarglas, Filterglas, Leuchtstoff, Rotgas, Blaugas, Kabel, Silikonkappen und Transformator, 31 × 49 cm, Auflage 8 Exemplare + 1 AP. © the artist, Courtesy of the artist, Galerie Tanja W
Albrecht Dürer (1471-1528), Die Entführung auf dem Einhorn (Der Raub der Proserpina), 1516, Radierung, 30,8 × 21,3 cm, Sammlungen Museum im Prediger. © Museum im Prediger

Motivisch hält das Einhorn in THE LAST UNICORN Einzug in Form einer kostbaren, bronzevergoldeten Automatenuhr aus der Zeit der Renaissance, die um 1600 in Augsburg gefertigt wurde; die Figur ist ein mechanisches Kunst- und Glanzstück aus dem Bestand des Gmünder Museums, die, angetrieben von einem im Sockel verborgenen Uhrwerk, Bewegungen ausführen kann. Den Ursprung der seit dem Mittelalter tradierten pferdeähnlichen Gestalt des Einhorns, das ein gerades, spiralartig gewundenes Horn trägt, veranschaulichen zwei majestätische, antike Narwalzähne mit einer Silbermontierung des neunzehnten Jahrhunderts (Röbbig München). In seiner vielschichtigen Bedeutung, wild und schier unbezähmbar, zeigt sich das mythenumwobene Tier in Albrecht Dürers Eisenradierung »Die Entführung auf dem Einhorn« aus dem Jahr 1516.
Ein Gegenbild zur arkadischen Landschaft, die das Einhorn verlassen muss, um seine Artgenossen zu suchen und zu befreien, zeichnet Max Ernst in seinem Gemälde »Soleil Noir«, das in apokalyptischer Farbigkeit eine befremdlich wirkende Natur zeigt; das um 1952 entstandene Bild ist Dank der Leihgabe der Sammlung Würth, Künzelsau, zu sehen.

Albrecht Dürer (1471-1528), Die Entführung auf dem Einhorn (Der Raub der Proserpina), 1516, Radierung, 30,8 × 21,3 cm, Sammlungen Museum im Prediger. © Museum im Prediger
Nan Goldin (* 1953), Butterfly in Lutzow Lampe Drag Bar, 1992, C-Print, 65 × 97 cm, Auflage 25 Exemplare + AP, Sammlung Martina Tauber, München. © the artist. Courtesy Martina Tauber Fine Art, München. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.

Die in Buch und Film verhandelten Themen Vergänglichkeit, Endlichkeit und Tod (»Whatever can die is beautiful«) vergegenwärtigt THE LAST UNICORN in einer Vielzahl von Arbeiten. Der Vanitas-Topos, seit dem 15. Jahrhundert im Imperativ des »memento mori« ein Grundmotiv der Kunstgeschichte, imaginiert der fotografische Blick von Nan Goldin in ein heruntergekommenes Interieur in »Buttlerfly in Lutzow Lampe Drag Bar«; er scheint auf im Buchobjekt »Transatlantic spine« von Sam Falls, in dem die reine Kraft der Sonne Teil der Bildwerdung wurde; er artikuliert sich in Thomas Helbigs aus Fragmenten aufgebauten Bildwerk »Opfer«; er wird fassbar in Paul Hutchinsons Fotografie »Aria, Boppstraße«, in welcher die Rückenfigur eines mit einem Kapuzenpulli bekleideten Jugendlichen, auf dessen Schultern eine Strelitzie aufliegt, als zeitgenössisches Abbild des Sensemannes erscheint; und er verdichtet sich nicht zuletzt in Emanuel Leutzes Akt »Nymphe der Urachquelle«, in dem der gedankenversunkene, melancholische Blick der jungen Frau auf die Liaison von Schönheit und Sterblichkeit verweist.

Nan Goldin (* 1953), Butterfly in Lutzow Lampe Drag Bar, 1992, C-Print, 65 × 97 cm, Auflage 25 Exemplare + AP, Sammlung Martina Tauber, München. © the artist. Courtesy Martina Tauber Fine Art, München. Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.
Benedikt Hipp (* 1977), Neonatal Refractions No. 24, 2017/2018, Öl und Firnis auf MDF, 188 × 139 cm. © the artist, Courtesy of the artist, Kadel Willborn, Düsseldorf und Martina Tauber Fine Art, München. Foto: the artist.

Die in der Erzählhandlung von Buch und Film implizierten Fragestellungen nach der Konstruktion von Realität reflektieren in der Ausstellung beispielhaft die grotesk und verstörend wirkenden Figurenbilder »Neonatal Refractions No. 24« von Benedikt Hipp und der »Nasenmann« von Leonhard Hurzlmeier.
Einen außergewöhnlich imaginären Aspekt im Konzept und der Gestaltung der Ausstellung veranschaulichen die mit Kugelschreibertinte gefärbten, als funktionale Präsentationsmöbel dienenden Holzskulpturen des US-amerikanischen Künstlers Rem Denizen, die, je nach Position des Betrachters, in ihrer Farbigkeit changieren..

Benedikt Hipp (* 1977), Neonatal Refractions No. 24, 2017/2018, Öl und Firnis auf MDF, 188 × 139 cm. © the artist, Courtesy of the artist, Kadel Willborn, Düsseldorf und Martina Tauber Fine Art, München. Foto: the artist.
Rolf Poellet, (* 1962), THE CROSS, 2020, Öl auf Karton, 25-teilige Arbeit, je 60 × 40 cm. © the artist, Courtesy of the artist und Martina Tauber Fine Art, München. Foto: Rolf Poellet.

Den gattungsübergreifenden Ansatz von THE LAST UNICORN visualisieren vier ortsspezifische Installationen, die von Künstler eigens zum Thema der jeweiligen Ausstellungskapitel konzipiert wurden. Dazu zählen Philipp Messners beklemmende wirkende Stahlträger in MOMMY FORTUNAS MITTERNACHTSZIRKUS; daneben Martin Wöhrls emotional berührende »Tränen/Tropfen« in LADY AMALTHEAS VERWANDLUNG; ferner Rolf Poellets Architekturfragment »The Cross« in PRINZ LÍR UND DER KAMPF GEGEN DEN ROTEN STIER als Ausdruck für die gebrochene Macht des Bösen; und schließlich die dreiteilige Spiegelarbeit »Prospect« von Weltbrandt im abschließenden Kapitel DIE BEFREIUNG DER EINHÖRNER.
In Weltbrandts Spiegelinstallation entsteht am Ende der Ausstellung im räumlichen Gegenüber mit Ed Ruschas Textbild »The End #46« (Sammlung Froehlich, Stuttgart) schließlich ein ausdrucksstarkes Schlussbild: die Spiegelung der Worte »The End«.

Rolf Poellet, (* 1962), THE CROSS, 2020, Öl auf Karton, 25-teilige Arbeit, je 60 × 40 cm. © the artist, Courtesy of the artist und Martina Tauber Fine Art, München. Foto: Rolf Poellet.

Veranstaltungsort

Museum im Prediger
Stadtverwaltung Schwäbisch Gmünd
Johannisplatz 3
73525 Schwäbisch Gmünd

07171 603-4130
07171 603-4129

Veranstalter

Museum und Galerie im Prediger
Stadtverwaltung Schwäbisch Gmünd
Johannisplatz 3
73525 Schwäbisch Gmünd

07171 603-4130
07171 603-4129

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