Ausstellung »Jo Winter. was trägt – Skulpturen und Arbeiten auf Papier«

Ausstellungsansicht Jo Winter. was trägt, Foto: Frank Kleinbach

„Was ein Künstler zu sagen hat drückt er über seine Arbeit, die Kunst aus“, betont Jo Winter. Der promovierte Biologe wechselte schon früh sein Fach. Die Biologie bot ihm nur einen eingleisigen Weg der Erkenntnis und keine Antworten auf ein komplexes Welt- und Menschenbild. Sich mit dieser Vielfalt des Lebendigen, mit dem, was das Menschsein ausmacht und trägt, uneingeengt auseinandersetzen zu können und dies unbeschränkt darzustellen, war ihm nur möglich mittels der Kunst: beginnend Mitte der 1970er Jahre mittels der Malerei, dann in den 1990ern in der Zeichnung und seit mehr als 15 Jahren zunehmend auch bildhauerisch mit Holz.
Die Galerie im Prediger nimmt neu entstandene, bisher noch nie gezeigte bildhauerische und zeichnerische Arbeiten zum Ausgangspunkt für die Präsentation zentraler Werke und Werkgruppen. Sie gewähren einen ebenso umfassenden wie akzentuierten Blick auf das Schaffen des Künstlers und dessen „eindringlich sensible Eigenwelt“ (Peter Riek). Zu sehen sind insgesamt 58 Skulpturen und 37 Zeichnungen der letzten fünfzehn Jahre. Zum Spektrum der erstmals gezeigten Werke gehört insbesondere das fünfteilige Skulpturenensemble „trägt“, das sich aus gehöhlten, feuergeschwärzten Birkenstämmen unterschiedlicher Höhe formiert.
Zur Ausstellung erscheint eine Broschüre.

Ausstellungsansicht Jo Winter. was trägt, Foto: Frank Kleinbach
Ausstellungsansicht Jo Winter. was trägt, Foto: Frank Kleinbach

Zur Ausstellung
Jo Winter gehört zu den Künstlern, die auf bemerkenswerte Weise unabhängig von aktuellen Trends konsequent ihre Position vertreten. Als aufmerksamer und sensibler Beobachter seiner Zeit ist ihm die Kunst das große Stimulans des Lebens und das Leben selbst eine große, permanente Kraftquelle. Antrieb für sein Schaffen ist das Nachdenken über die Conditio Humana. Dazu gehört die Verletzlichkeit des Menschen, auch die Aggression des Menschen gegen sich selbst und die Natur, die er immer wieder thematisiert und in seinem Werk zeichnerisch, malerisch und in der Skulptur reflektiert. Nicht mit dem Zeigefinger des Weltverbesserers und nicht erzählerisch. Vielmehr metaphorisch, in kraftvollen und zugleich poetischen Arbeiten. Und als Angebot für Assoziationen.
Jo Winter ist zuallererst Zeichner. Damit ist er einem klassischen, um nicht zu sagen traditionellen künstlerischen Medium verpflichtet, dessen Grenzen er gleichwohl neu auslotet. Tiefschwarzer Fettstift, Aquarellstifte und Pinsel sind seine Werkzeuge, Tusche und manchmal ganz wenig Acrylweiß sowie Papier die Materialien. Die Zeichnungen entstehen in Serien und Werkgruppen, wobei die Natur immer wieder im Mittelpunkt steht. Ausgangspunkt ist oft Papier, das bereits eine Vergangenheit, eine Geschichte besitzt: Fundstücke aus dem Antiquariat, alte Landkarten und Buchseiten, technische Zeichnungen oder Notenpapiere. Beispielhaft dafür stehen in der Ausstellung Arbeiten aus der Folge „Zeit der Knospen“ (2011). Für diese Arbeiten benutzte Jo Winter transparente Konstruktionszeichnungen einer Tübinger Maschinenfabrik, die er mit Naturformen in schwarzer Tusche übermalte – als künstlerisches Bekenntnis dafür, dass das Naturlebendige am Anfang von Allem steht. Die Reaktion des Künstlers auf die fremdenfeindlichen Übergriffe in Chemnitz 2018 zeigen in der Ausstellung zwei Blätter aus der Serie „Reflexe (Chemnitz)“. Vom Übereinander mehrerer, mit schwarzer Tusche bemalter Transparentpapiere lebt eine Folge neuer Arbeiten mit Baummotiven, in denen die Farbe der unteren Papierebene als variantenreiches Grau durchscheint und zusammen mit dem Schwarz des darüber liegenden Blatts eindrückliche Tiefenstrukturen hervorbringt. Einen energetischen Pinselduktus, die Fluidität schwarzer Tusche auf Ingres-Bütten und die Askese des Schwarzweiß atmen die Zeichnungen der ebenfalls neu entstandenen Serie „Gesten“: gleich der Kunst des Informell der 1950er Jahre spielt in diesen Arbeiten das Fließende und Offene, das Gefühlte dabei keinesfalls Willkürliche die entscheidende Rolle – das Werk als Geschehnis.
Seine Skulpturen schneidet Jo Winter mit der Kettensäge aus dem massiven, frischen Holzstamm. Als Werkstoff dient ihm vorwiegend das Holz von Eiche, Ahorn, Birke, Esche und Pappel. Aufgrund der dem Holz eigenen Energie, die beim Trocknen frei wird, wirkt das Material am Formbildungsprozess mit und vollendet ihn schließlich. In der Ausführung geht der Künstler oft bis an die Grenze der Auflösung des Materials. Jo Winters Skulpturen sind reine Form, ohne nachträgliche Hinzufügungen oder Dekoration. Der Form willen wird die Arbeit oft noch geschwärzt oder geweißt. Maserung oder Astanschnitte sollen so wenig wie möglich von der konzeptionellen Idee ablenken.
Wie in den Zeichnungen ist auch in Jo Winters Skulpturen das Motiv der Behausung ein großes Thema. Dahinter steht die Bedeutung des Hauses als Urform und Symbol menschlicher Zivilisation und Kultur. Diese permanente Selbstbehauptung als anthropologisches Zeichen bezieht das Haus aus der Tatsache, dass es mit dem menschlichen Sein selbst identifiziert wird. Einerseits ist es Sinnbild für Geborgenheit, Sicherheit, Schutz und Leben, andererseits aber auch für Einengung, Gefangenschaft, Verletzlichkeit und Tod. Letzteres vor allem dann, wenn der Bildhauer das Material mit dem Gasbrenner schwärzt, so die Materialität des Holzes tilgt und es dadurch in einen anderen Zustand transformiert: vom pflanzlichen in den mineralischen, zur Kohle. Geradezu körperhaft erlebbar wird dann die beunruhigende Gefährdung der Skulptur – und nicht zuletzt die des Menschseins.

Zum Künstler
Jo Winter wurde 1949 in Munderkingen (Donau) geboren. Heute lebt und arbeitet er in Ammerbuch bei Tübingen und im südfranzösischen Departement Aude. Während des 1980 mit Promotion abgeschlossenen Studiums der Biologie lernt er am Zeicheninstitut der Universität Tübingen bei Prof. Martin Schmid das Sehen. Zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland begleiten seine künstlerische Laufbahn. Werke von Jo Winters sind in wichtigen Sammlungen vertreten, etwa der Staatsgalerie Stuttgart, der Sammlung Biedermann, Donaueschingen, oder der Sammlung Merckle, Ulm.

Eröffnung
Freitag, 18. Oktober 2019, 19 Uhr

Begleitprogramm
Donnerstag, 7. November, 18 Uhr: Führung
Sonntag, 24. November, 15 Uhr: Künstlergespräch

Ausstellungsansicht Jo Winter. was trägt, Foto: Frank Kleinbach

Veranstaltungsort

Galerie im Prediger
Johannisplatz 3
73525 Schwäbisch Gmünd

07171 603-4130
07171 603-4129

Veranstalter

Museum und Galerie im Prediger
Stadtverwaltung Schwäbisch Gmünd
Johannisplatz 3
73525 Schwäbisch Gmünd

07171 603-4130
07171 603-4129

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