Werkgespräch zur Ausstellung: Joseph Stephan Wurmer. Raum lichten – Holz im Spannungsfeld von Konstruktion und Dynamik

Joseph Stephan Wurmer im Gespräch mit Joachim Haller

Ausstellungsansicht „Joseph Stephan Wurmer. Raum lichten – Holz im Spannungsfeld von Konstruktion und Dynamik“. © Foto: Museum im Prediger, Joachim Haller.
Ausstellungsansicht „Joseph Stephan Wurmer. Raum lichten – Holz im Spannungsfeld von Konstruktion und Dynamik“. © Foto: Museum im Prediger, Joachim Haller.

Auch, wenn man es kaum glauben kann: die Holzskulpturen von Joseph Stephan Wurmer sind fast ausschließlich aus einem Stück gefertigt. Einen Eindruck davon, wie der Nürnberger Bildhauer arbeitet, vermittelt zurzeit die Ausstellung „Raum lichten – Holz im Spannungsfeld von Konstruktion und Dynamik“ in der Galerie im Prediger. Versammelt sind gut 30 ausgewählte Boden- und Wandobjekte, die Einblicke in 15 Schaffensjahre des Künstlers geben. Am Sonntag, 13. März, um 15 Uhr bietet sich die Gelegenheit, mit Joseph Stephan Wurmer über seine Kunst zu sprechen: er kommt zum Werkgespräch. Der Eintritt ist frei. Für den Besuch gilt die 3G Regelung.

Ausstellungsansicht „Joseph Stephan Wurmer. Raum lichten – Holz im Spannungsfeld von Konstruktion und Dynamik“. © Foto: Museum im Prediger, Joachim Haller.
Ausstellungsansicht „Joseph Stephan Wurmer. Raum lichten – Holz im Spannungsfeld von Konstruktion und Dynamik“. © Foto: Museum im Prediger, Joachim Haller.
Ausstellungsansicht „Joseph Stephan Wurmer. Raum lichten – Holz im Spannungsfeld von Konstruktion und Dynamik“. © Foto: Museum im Prediger, Joachim Haller.

Joseph Stephan Wurmers Faszination für das Holz ist in jeder seiner Arbeiten spür- und greifbar. „Es gibt kein anderes Material, das so viele Eigenschaften hat“, sagt er über den bildhauerischen Werkstoff, dem er sich seit annähernd dreißig Jahren leidenschaftlich verschrieben hat. Das Holz ist ihm ein partnerschaftliches Gegenüber geworden, das er intensiv erkundet und vielfältig gestaltet: in seiner Substanz und Struktur, Formbarkeit und Widerständigkeit, Verletzlichkeit und Farbe. Heute gehört er zu den renommierten Holzbildhauern seiner Generation. Seine Skulpturen und Wandobjekte sind in namhaften privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten und werden regelmäßig in Ausstellungen und auf Messen präsentiert.

Ausstellungsansicht „Joseph Stephan Wurmer. Raum lichten – Holz im Spannungsfeld von Konstruktion und Dynamik“. © Foto: Museum im Prediger, Joachim Haller.
Ausstellungsansicht „Joseph Stephan Wurmer. Raum lichten – Holz im Spannungsfeld von Konstruktion und Dynamik“. © Museum im Prediger, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart
Ausstellungsansicht „Joseph Stephan Wurmer. Raum lichten – Holz im Spannungsfeld von Konstruktion und Dynamik“. © Museum im Prediger, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart

Unter den zeitgenössischen Bildhauern, die heute mit dem Material Holz arbeiten, nimmt Joseph Stephan Wurmer einen ganz eigenen Platz ein. Seine Position lässt sich in der Nähe konstruktiver Kunst verorten. Tektonischer Strenge und eine respektvolle Annäherung an die Eigenheiten des Holzes prägen sein mittlerweile gut dreißig Jahre umfassendes Werk. In seinem Umgang mit dem Material lässt der Bildhauer Holz Holz sein, wobei er auf dessen Verfremdung, etwa durch eine farbige Fassung oder durch Feuer, verzichtet. Seine Skulpturen schneidet er vorwiegend mit der Kettensäge aus dem meist frisch gefällten Baumstamm. Und sie sind fast ausschließlich aus einem Stück gearbeitet. Jeder Sägeschnitt und jede Bearbeitung erfolgt im Wissen um die eigengestalterischen Kräfte des Holzes, zu denen vor allem Schwundrisse beim Trocknungsprozess gehören. Je nach Holzart muss er mehr oder weniger auf das Material reagieren. Dadurch tritt der Austausch und der Dialog mit dem Material unverkennbar an die Stelle eines vorgefassten, nur logisch-rationalen Denkens und Tuns, was sich in jeder Arbeit widerspiegelt. Im Ergebnis entstehen Objekte von dynamischer Schönheit, die nicht aus vordergründigen Effekten resultieren, sondern aus der Meisterschaft des Bildhauers, der seine Vorstellungen adäquat umzusetzen weiß. Seine künstlerische Auffassung realisiert Wurmer in Werkreihen, die er ständig überprüft und in kleinen, feinen Schritten abwandelt und weiterentwickelt: Lichter Raum, Scala, Keilholz, Ordnung und Chaos, Aus meinem archäologischen Tagebuch oder Aus dem venezianischen Reisetagebuch sind Beispiele, die in der Ausstellung zu sehen sind. Skizzen helfen ihm, innerhalb der Werkreihen neue Formen zu entwickeln.

Ausstellungsansicht „Joseph Stephan Wurmer. Raum lichten – Holz im Spannungsfeld von Konstruktion und Dynamik“. © Museum im Prediger, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart

Hölzer wie Pappel, Weide, Zeder, Ahorn und Platane sind Wurmers bevorzugtes Material, dem er abstrakte Formkörper abringt: kompakte Kegel, Kugeln, Quader, Würfel oder auch Zylinder. Sie werden durch Schnitte geöffnet, in ihrer Substanz teils gänzlich ausgehöhlt, teils in Schichten aufgebrochen – Raum wird gelichtet. Dem kompakten, festen Holzblock nimmt er dessen Gewicht und schafft so einen Raum, der durch und um die verbleibende Masse zirkuliert. Die Skulptur wird in Relation zu vielfältigen Raumvorstellungen thematisiert: zu Frei-, Um-, Hohl- und Zwischenräumen. Hülle, Raum, Schutz und ihre Beziehung zueinander sind die Aspekte, die in den skulpturalen Arbeiten von Joseph Stephan Wurmer aufgespürt und studiert werden können. Die Auseinandersetzung mit der Beziehung von Innen und Außen folgt der Auffassung, dass es immer ein Inneres gibt, wo Oberfläche sichtbar wird, und dass beides in einem generativen Verhältnis zueinander steht. Die umgreifenden und umgriffenen Formen haben für den Bildhauer die gleiche Bedeutung und bestimmen den Schöpfungsprozess.

Joseph Stephan Wurmer: Lichter Raum XII, 2008, Weide (Ausschnitt, vorne), Lichter Raum LXXXV, 2021, Thuja (hinten). © Museum im Prediger, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.
Joseph Stephan Wurmer: Lichter Raum XII, 2008, Weide (Ausschnitt, vorne), Lichter Raum LXXXV, 2021, Thuja (hinten). © Museum im Prediger, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.

Neben dem Verhältnis von Innen und Außen, von umfassender Hülle und umfassten Hohlraum gehört dazu vor allem die wechselseitige Durchdringung von Raum- und Materialkörper. Transparenz und Licht werden zum zentralen Gegenstand der bildhauerischen Auseinandersetzung erhoben. Explizit ablesen lässt sich dies an den Skulpturen der Werkreihe „Lichter Raum“, die gewissermaßen ein Markenzeichen von Joseph Stephan Wurmer sind. In unterschiedlichen Formen und großer Bandbreite lotet der Künstler in diesen Arbeiten virtuos das Verhältnis von Leerraum und umfassender Oberfläche aus. Er holt den inneren Raum des Holzes hervor, indem er es durch mehr oder weniger dichte Einschnitte zum Raum hin öffnet. Dadurch wird der Innenraum zum eigentlichen Energiezentrum der Skulpturen. Zugleich artikuliert sich das Plastizität bildende Licht als bildhauerischer Leitgedanke. In ihrer Struktur zielen diese Skulpturen auf einen Innenraum, der einen Lichtraum entstehen und den Betrachtenden am Prozess der Raumwerdung teilhaben lässt.

Ihre Kraft und Schönheit beziehen die Skulpturen von Joseph Stephan Wurmer im Weiteren durch die Polarität des Organischen und Konstruktiven. Das Organische des Holzes bleibt immer deutlich sichtbar – und riechbar. Dem organischen Material ringt er geometrische Formen ab, wobei diese aus den Vorgaben der Natur gewonnen und an ihr ausgerichtet sind. Er geometrisiert das Lebendige und verlebendigt das Geometrische. Die Natur steht spannungsvoll gegen die Künstlichkeit, das natürlich Gewachsene gegen das gewollt Gemachte, die amorphe Naturform gegen die gestaltete Menschenform. In seiner Auseinandersetzung mit dem Naturmaterial Holz sucht Stephan Wurmer die Gegensätze und weist zugleich auf die Gefährdung des Natürlichen hin.

Joseph Stephan Wurmer: Lichter Raum XII, 2008, Weide (Ausschnitt, vorne), Lichter Raum LXXXV, 2021, Thuja (hinten). © Museum im Prediger, Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart.

Vita

Joseph Stephan Wurmer, Porträt. Foto: Mile Cindric
Joseph Stephan Wurmer, Porträt. Foto: Mile Cindric

Der Bildhauer und Zeichner Joseph Stephan Wurmer wurde 1956 in Frauenwahl (Niederbayern) geboren. Heute lebt und arbeitet in Nürnberg. Von 1978 bis 1984 studierte er Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg, die ihn 1983 mit dem Akademiepreis auszeichnete. Zu seinen weiteren Auszeichnungen gehören der Debütantenpreis des Kultusministerium Bayern (1990), der Wolfram von Eschenbach-Förderpreis (1999), der Kunstpreis der Sparkasse Nördlingen (2007) und der Kunstpreis der Nürnberger Nachrichten (2008). Seit 1991 sind seine Werke in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen und auf Messen präsent. Viele seiner Arbeiten finden sich im öffentlichen Raum und in öffentlichen Sammlungen, darunter die Kunstsammlung Deutscher Bundestag Berlin und die Bayerische Staatsgemäldesammlung München.

Joseph Stephan Wurmer, Porträt. Foto: Mile Cindric

Veranstaltungsort

Galerie im Prediger
Stadtverwaltung Schwäbisch Gmünd
Johannisplatz 3
73525 Schwäbisch Gmünd

07171 603-4130
07171 603-4129

Veranstalter

Museum und Galerie im Prediger
Stadtverwaltung Schwäbisch Gmünd
Johannisplatz 3
73525 Schwäbisch Gmünd

07171 603-4130
07171 603-4129

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