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13. November 2009
Erzählcafe: Flucht und Vertreibung„Übers Heimweh wurde nicht gesprochen!“
Das erste Erzählcafe zum Thema „Ankommen – Frauen-Erfahrungen in einer neuen Heimat“ stand ganz unter dem Zeichen von Flucht und Vertreibung im und am Ende des Zweiten Weltkrieges
Schwäbisch Gmünd (sv) Das erste Erzählcafe zum Thema „Ankommen – Frauen-Erfahrungen in einer neuen Heimat“ stand ganz unter dem Zeichen von Flucht und Vertreibung im und am Ende des Zweiten Weltkrieges. Als Zeitzeugin konnte Gmünds Frauenbeauftragte Elke Heer Brigitte Beyer begrüßen, die fesselnd, frei und offen von ihrem gezwungenen Weg durch Europa erzählte.
Aus dem Vielvölkerstaat Lettland, in dem Brigitte Beyer 1934 geboren wurde, ging es 1939 von Riga aus mit dem Schiff im Zuge der Zwangsumsiedlungen der deutschstämmigen Bevölkerung „Heim ins Reich“. In Posen fand die Familie eine neue Unterkunft, wohl wissend, dass aus eben diesem Haus vorher die polnischen Bewohner vertrieben worden waren. Trotz allem empfand die Schülerin das Leben im Warthegau als ein friedliches. Im Januar 1945 änderte sich das Leben. Die Familie musste den Vater in den Volkssturm verabschieden und „Wir haben ihn nie wieder gesehen“. Ebenfalls im Januar 1945 wurden die Kinder von der Schule nach Hause geschickt, mit den Worten, dass die Russen kurz vor Posen stünden. Die Familie machte sich also auf, die Stadt zu verlassen. Die gekauften Zugfahrkarten erwiesen sich als nutzlos, denn es waren zu viele Menschen am Bahnhof. Mit etwas Glück ergatterten die Flüchtlinge Plätze in einem geschlossenen Viehwaggon und konnten dort die Nacht ohne Erfrierungen verbringen. Über Cottbus ging es im Zug weiter nach Dresden, wo die Familie einige Tage später bei den Großeltern ankam und dann im Februar 1945 auch noch Zeuge des schweren Luftangriffs auf Dresden werden musste. Die Kinder sahen viele Tote, die Elbe war rot gefärbt vom Feuerschein – alles Erlebnisse, die bis heute im Gedächtnis gespeichert sind. Aber die Flucht war noch nicht zu Ende, denn die Front rückte näher und so mussten wieder die Habseligkeiten gepackt werden, diesmal auf einen Leiterwagen und das Familiensilber blieb in Dresden vergraben zurück zugunsten von einigen Flaschen Schnaps, die der Familie als Zahlungsmittel diente.
Bad Schandau, Bad Aussig und Prag waren weitere Stationen, die nicht von Dauer sein konnten. Nicht überall war die Flüchtlingsfamilie willkommen. In Neumarkt erwartete die Familie dann die Ankunft der Amerikaner. Aber auch dort blieben sie nicht lange, denn alle Deutschen wurden aus Österreich ausgewiesen. Es ging weiter nach Hamburg und Schleswig –Holstein, wo es keine Perspektive für die Schulbildung der Kinder gab. Also musste sich die Familie ein weiteres Mal auf den Weg machen, diesmal nach Südbaden, wo die Reise 1950 ein vorläufiges Ende fand. Heute, so befindet Brigitte Beyer, sei sie zufrieden, aber sie habe keine Heimat. Eine unbestimmte Sehnsucht empfindet sie nach dem Meer und der Dünenlandschaft ihrer frühen Kindheit. Erst 2003 konnte sie ihrer Kinderheimat Lettland einen ersten Besuch nach über sechzig Jahren abstatten. Das Fluchtgeschehen hat Brigitte Beyer, wie viele ihrer Generation lange nicht verarbeiten können „man hatte keine Zeit“. Erst seit ihrer Pensionierung findet sie die Ruhe, sich diesem Lebensabschnitt gedanklich zu nähern und Frieden zu schließen.
Die Gäste im Erzählcafe waren dankbar für die offenen Schilderungen von Brigitte Beyer und befruchteten das Erzählcafe mit ihren eigenen Erlebnissen von der Flucht aber auch vom Erleben zu Hause.
Im nächsten Erzählcafe am Montag, 16. November um 15 Uhr wird den Gästen im Mehrzweckraum der Spitalmühle ein Film über die schwierigen Wege einer kurdischen Familie 2003 gezeigt. Gelegenheit zur Diskussion wird es auch geben.