Giorgio Morandi – Alberto Giacometti.

Ein Dialog

20. Juni – 28. September 2008

Die zarten und dennoch eindringlichen Stillleben von Giorgio Morandi (1890-1964) und die fadendünnen Figurenstelen von Alberto Giacometti (1901-1966) – sie zählen heute zu den Meisterwerken der Kunst des 20 Jahrhunderts und sind in den bedeutendsten Museen der Welt vertreten. Das Lebenswerk beider hat für nachfolgende Künstlergenerationen Maßstäbe gesetzt und an Faszination bis heute nichts verloren. Die Gegenüberstellung von Werken der beiden Künstlerpersönlichkeiten ist jetzt zum ersten Mal im Museum im Prediger Schwäbisch Gmünd Thema einer umfangreichen Präsentation. Vom 20. Juni bis 28. September ermöglichen rund 120 Arbeiten einen Dialog der beiden Künstler. Es ist ein Dialog, der weniger auf formale „Verwandtschaften“ abzielt als vielmehr den vergleichbaren Grundprinzipien nachspürt, denen sich beide Künstler in ihrer jeweils eigenen Art verpflichtet fühlten. Die ausgestellten Werke zeigen Stillleben, Landschaften, Porträts, Menschen im Raum und Interieurs. Zur Ausstellung gibt es ein Begleitbuch (144 Seiten, 22 Euro).

Eröffnung

Die Ausstellung wird am Freitag, 20. Juni, um 19 Uhr im Prediger (Innenhof) durch Oberbürgermeister Wolfgang Leidig eröffnet. Zur Eröffnung sprechen Dr. Faiti Salvadori, Italienischer Generalkonsul in Stuttgart, Franz Armin Morat vom Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft in Freiburg im Breisgau, Museumsleiterin Dr. Gabriele Holthuis, und Stefan Waldenmaier, Vorsitzender des Vorstands der Leicht Küchen AG und Sponsor der Ausstellung. Mit einer kulinarischen Reise in die Heimat der beiden Künstler Reise gestalten die Kochprofis der Leicht Küchen AG den Abend, den Will Lindfors and Friends musikalisch stimmungsvoll begleiteten.

Kraft der Konzentration und Variation

Mit ihren unverwechselbaren Positionen haben Giorgio Morandi und Alberto Giacometti die Kunst des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusst. Beide Künstler sind sich persönlich zwar nie begegnet, doch verbindet sie ein jeweils unverwechselbarer neuer Blick auf die Wirklichkeit. Die Berührungspunkte zwischen dem Maler und Grafiker und dem Bildhauer und Maler sind vielschichtig; sie definieren sich vor allem in der Beschränkung und Variation von nur wenigen Motiven wie auch in der Komprimierung und Konzentration. Diese Kraft der Konzentration spiegelt sich bei beiden in der Komposition selbst wider: in der zumeist frontalen Darstellung des Motivs und, bei Morandi, der Verdichtung auf den Mittelpunkt des Bildes, bei Giacometti der Fokussierung auf das Gesicht und auf den Blick des Modells. Während Morandi wie kein anderer über sein ganzes Lebenswerk hin das Sujet des Stilllebens variiert, immer wieder dieselben Schalen und Schüsseln, Flaschen und Kannen malt und diese in kleinsten Nuancen von Farbton, Form und Arrangement abwandelt, sind bei Giacometti das Gesicht und die menschliche Gestalt beinahe die einzigen „Gegenstände“, denen er immer wieder Ausdruck verleiht.
Ungeachtet dessen, dass der eine Maler und der andere primär Bildhauer war, entfaltet sich ihr ganzer Reichtum in der Vielfalt der Gattungen und der Mittel. Voran geht für Morandi wie für Giacometti uneingeschränkt die Zeichnung, gefolgt von der Grafik, der Malerei und, bei Giacometti, der Skulptur. Beide gelten in der kunstgeschichtlichen Rezeption als Meister der Stille und der Statik, die in ihrer Verschlossenheit gegenüber der Außenwelt ein Lebenswerk von hoher Authentizität und Originalität geschaffen haben, fernab von Stil- und Gruppenzugehörigkeiten. Dem Werk Alberto Giacomettis wird ein stilllebenhafter Ausdruck ebenso zugeschrieben wie den Landschaftsarchitekturen von Giorgio Morandi.
Beiden Künstlern ist die Natur Ausgangspunkt und Ziel zugleich, und das Motiv steht als Metapher für Licht, Raum, Körper, Distanz und Zeit. Mit Blick auf die Zeit scheint diese jedoch in den Landschaften und Stillleben Morandis, in denen Licht kaum wahrgenommen wird, gefroren und still zu stehen. Während dem gegenüber die bewegten Oberflächen der Skulpturen von Giacometti den Anschein erwecken, als habe der Künstler hier gerade noch geformt und modifiziert, wodurch sich der Eindruck des „non finito“ einstellt, so als würde die Zeit fließen.

Biografische Parallelen

Über die grundlegenden Fragestellungen an das eigene Werk, die Art des bildnerischen Denkens und die Kompromisslosigkeit in ihrem Selbstverständnis als Künstler, die wesentliche Parallelen zwischen Morandi und Giacometti bezeichnen, sind es auch biografische Gegebenheiten, die beide Künstler verbindet: Zunächst ist es die gemeinsame Muttersprache Italienisch, außerdem die Tatsache, dass Kunst und Kultur Italiens und Frankreichs lebenslang wichtige Orientierungspunkte darstellten, allen voran die Kunst von Paul Cézanne.
Weiterhin spielten für den einen wie für den anderen enge familiäre Bindungen eine existenzielle Rolle: Bei Morandi, der als Sohn einer Bologneser Kaufmannsfamilie einer städtisch-bürgerlichen Schicht angehörte, waren es vor allem die Beziehungen zu seinen Schwestern, mit denen er bis zu seinem Tod zusammen lebte. Für Giacometti, der im Gegensatz zu Morandi einer Künstlerfamilie und einem ländlich-provinziellen Herkunftsort im Schweizer Bergell entstammte, blieben die Verbundenheit mit seiner Mutter sowie die Arbeits- und Lebensgemeinschaft mit dem Bruder Diego, seinem bevorzugten Bildnismodell, immer prägend. Weit entfernt von jeder Art der Selbstinszenierung, vom Streben nach Ruhm und der Jagd nach materiellem Erfolg, war ihr Leben von unermüdlicher und leidenschaftlicher, ja geradezu obsessiver Arbeit bestimmt. Der Anspruch an die eigene künstlerische Leistung war bei Morandi wie bei Giacometti hoch, und der Ansporn zum Weiterarbeiten resultierte nicht zuletzt aus einer unnachgiebigen Selbstkritik, begleitet von fortwährenden Zweifeln – bis hin zum quälenden Bewusstsein des Ungenügens und Scheiterns, besonders bei Giacometti.

Weitere Ausstellungsstationen, Leihgeber und Förderer

Die Ausstellung geht anschließend nach Neumarkt in der Oberpfalz in das Museum Lothar Fischer – hier nur mit Werken von Giorgio Morandi – und 2009 nach Paderborn in die Städtische Galerie in der Reithalle.
Die Leihgaben stammen im Wesentlichen aus drei Privatsammlungen: dem Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft in Freiburg im Breisgau, von Helmut Klewan in München und Wien sowie von Ingrid und Werner Welle in Paderborn. Weitere Werke stellen die Sammlung Lambrecht-Schadeberg im Museum für Gegenwartskunst in Siegen, die Staatsgalerie Stuttgart und ein Privatsammler aus München zur Verfügung.
Die Ausstellung wird von der Leicht Küchen AG Waldstetten gefördert.

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