Im Paradies der Früchte.

Im Paradies der Früchte. Highlights aus der Sammlung für Fruchtmalerei und Skulptur

27. Juli – 2. November 2014

Alexej von Jawlensky, Stillleben mit Obstschale, Böhmischem Glas und Empiretasse, 1907, Öl auf Malkarton, 49 x 53,3 cm. © Stiftung für Fruchtmalerei und Skulptur, Heidelberg 2014.
Alexej von Jawlensky, Stillleben mit Obstschale, Böhmischem Glas und Empiretasse, 1907, Öl auf Malkarton, 49 x 53,3 cm. © Stiftung für Fruchtmalerei und Skulptur, Heidelberg 2014.

Ob Äpfel, Birnen oder Kirschen, ob Orangen, Trauben oder Zitronen – seit der Antike inspirieren Früchte Künstler zu Meisterwerken. Ein Bild von der hohen Wertschätzung dieses Sujets in der Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart vermittelt die Ausstellung „Im Paradies der Früchte“. Die Schau zeigt Highlights aus der international renommierten "Sammlung für Fruchtmalerei und Skulptur in Heidelberg". Zu sehen sind rund 40 Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken und Skulpturen. Das Panorama spannt sich von Alexej von Jawlensky, Gabriele Münter und Emil Nolde bis zu Andy Warhol, Fernando Botero und Markus Lüpertz, von Paul Klee, Georges Braque und Oskar Kokoschka bis zu Lucian Freud, Karin Kneffel und Ai Weiwei.

Alexej von Jawlensky, Stillleben mit Obstschale, Böhmischem Glas und Empiretasse, 1907, Öl auf Malkarton, 49 x 53,3 cm. © Stiftung für Fruchtmalerei und Skulptur, Heidelberg 2014.
Rainer Fetting , Äpfel aus Karwe I, 1993, Öl auf Leinwand, 90 x 130 cm. © Stiftung für Fruchtmalerei und Skulptur, Heidelberg 2014.
Rainer Fetting , Äpfel aus Karwe I, 1993, Öl auf Leinwand, 90 x 130 cm. © Stiftung für Fruchtmalerei und Skulptur, Heidelberg 2014.

Die ganze Motivik der Frucht

In den letzten 40 Jahren hat der Unternehmer, Wissenschaftler und Stifter Prof. Dr. Rainer Wild eine hochkarätige Kunstsammlung aufgebaut. Sie vereint Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, die sich motivisch ganz auf Früchte und deren Darstellungsform konzentriert. Annähernd 300 Gemälde und Zeichnungen, Aquarelle und Grafiken sowie plastische Arbeiten und Videokunstwerke umfasst heute die Sammlung. Sie bildet damit nicht nur die Motivik der Frucht in ihrer ganzen Vielfalt ab, sondern zeichnet auch die wichtigsten Entwicklungslinien der klassischen und zeitgenössischen Moderne nach.
Mit der Auswahl der vorgestellten Werke lässt die Ausstellung zum einen den Facettenreichtum von Fruchtabbildungen in der Kunst der Moderne erleben. Zum anderen eröffnet sie einen spannenden Streifzug durch über hundert Jahre Kunstgeschichte.
Zu den frühesten Werken der Präsentation gehört das 1907 vom Spätimpressionismus und Fauvismus beeinflusste, in expressiven Farben leuchtende „Stillleben mit Obstschale, Böhmischem Glas und Empiretasse“ von Alexej von Jawlensky. Den Einfluss Jawlenskys auf das Werk Gabriele Münters lässt deren Stillleben „Narzissen und Äpfel“ aus dem Jahr 1909 erkennen, das von einer leuchtenden Farbigkeit durchdrungen ist. In Aquarellen der „Brücke“-Maler Erich Heckel (1883-1970, Emil Nolde (1867-1956), Max Pechstein (1881-1955) und Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) artikuliert sich daneben ein Streben nach reinem, innerem Ausdruck in Form und Farbe. Das Vorbild Matisse ist in Raoul Dufys Aquarell „Frau, Apfelbaum und Löwe“ (um 1920) ebenso spürbar, wie in Hans Purrmanns „Stillleben mit Granatäpfeln und Krug“ (um 1935), in dem die Früchte wie von der Sonne erleuchtet prangen.
Dass Alexander Kanoldt zu den eindrücklichsten Vertretern der Neuen Sachlichkeit gehört, gibt dessen Stillleben von 1930 zu erkennen, das durch eine strenge Komposition, schlichte Formensprache und eine an altmeisterlicher Malerei orientierte Technik besticht. Den nachkubistischen, realitätsbezogenen Spätstil von Georges Braques (1881-1963) offenbart eine Farblithografie mit Zitronen aus dem letzten Lebensjahr des Künstlers.
Eine 1947 datierte Zeichnung des 25-jährigen Lucian Freud, Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud, zeigt eine solitäre, mit Faul- und Druckstellen behaftete Quitte, die in ihrer Makelhaftigkeit sinnlich erlebbar macht, dass alles organische Leben, ob Frucht oder menschlicher Leib, der Vergänglichkeit unterworfen ist – ein Thema, das sich auch im Stillleben mit Früchten, Flasche und Totenkopf von Markus Lüpertz aus dem Jahr 2001 eindrucksvoll spiegelt. Der Gedanke an Vergänglichkeit und Fäulnis verliert sich hingegen in den perfekt gemalten, golden leuchtenden Trauben Karin Kneffels aus dem Jahr 1998, die den Betrachter durch die überdimensionale Größe der Früchte in Bann ziehen.
Die jüngsten Arbeiten der Ausstellung führen zur Skulptur und Objektkunst der Gegenwart, darunter zum chinesischen Konzeptkünstler Ai Weiwei (geb. 1957), zum britischen Bildhauer Gavin Turk (geb. 1967) und zu Stephan Balkenhol (geb. 1957), einem der profiliertesten Vertreter der zeitgenössischen figurativen Bildhauerei. Während Ai mit seiner 2006 in traditioneller chinesischer Porzellantechnik gefertigten „Watermelon“ die Kultur und Gesellschaft seines Heimatlandes subtil hinterfragt, stilisiert Turks „Gala (eaten apple)“ aus dem Jahr 2011 den Rest eines Apfels zum Denk- und Mahnmal, denn: Näher betrachtet stellt sich der täuschend echt aussehende Apfelbutzen als bemalte Bronzeplastik heraus und damit als bloße Parodie auf die Vergänglichkeit und das Verhältnis von Abfall und Wertobjekt. Still, in sich ruhend stehend, mit einer Traubengirlande als Halsschmuck, einem Krug in der Hand und in natürlicher Männlichkeit – so präsentiert sich bei Stephan Balkenhol der römische Weingott Bacchus in Bronze gegossen als Abbild einer überzeitlichen, mythologischen Lebenswirklichkeit und trotzdem gegenwärtig.

Rainer Fetting , Äpfel aus Karwe I, 1993, Öl auf Leinwand, 90 x 130 cm. © Stiftung für Fruchtmalerei und Skulptur, Heidelberg 2014.
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