Erich Heckel.

Orbis Pictus – Landschaftsaquarelle

6. November 2015 – 6. März 2016

Erich Heckel, Regenbogen, 1921, Aquarell, 46,1 x 59,5 cm. © Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Erich Heckel, Regenbogen, 1921, Aquarell, 46,1 x 59,5 cm. © Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen

Mit der Ausstellung „Erich Heckel. Orbis Pictus – Landschaftsaquarelle“ präsentiert das Museum im Prediger Schwäbisch Gmünd einen der bedeutendsten Vertreter des deutschen Expressionismus. Als Gründungsmitglied der Künstlergruppe „Brücke“ ist Heckel (1883-1970) Anfang des 20. Jahrhunderts wegweisend für den Aufbruch zu einer modernen Kunst. Auf der Suche nach dem Ursprünglichen entwickelt er zusammen mit den Künstlerfreunden eine neue, ausdrucksvolle Bildsprache, aus der subjektives Erleben und Fühlen spricht. Ab 1921 bis an sein Lebensende unternimmt er ausgedehnte Reisen durch ganz Europa. Auf seinen Reisen sammelt er den Stoff für seine Kunst. Überall hält er zeichnend seine Umgebung fest: Berg-, Fluss- und Seelandschaften wie auch Stadt- und Hafenansichten. Nach den Skizzen fertigt er im Atelier zahlreiche, sorgfältig ausgeführte Aquarelle, außerdem auch Gemälde – woraus ein großartiger „Orbis pictus“ entsteht. Aus Heckels „gemalter Welt“ zeigt die Ausstellung 60 Arbeiten: überwiegend Aquarelle, ergänzt durch einige Tuschezeichnungen und Lithografien. Beginnend mit Werken der Jahre 1914 und endend 1968 gibt die exemplarische Auswahl einen einmaligen Überblick über mehr als 50 Schaffensjahre des Künstlers. Ermöglicht wurde die Ausstellung durch großzügige Leihgaben aus dem Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen, und der Galerie Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern.

Erich Heckel, Regenbogen, 1921, Aquarell, 46,1 x 59,5 cm. © Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen

Eröffnung

Die Ausstellung wird am Freitag, 6. November 2015, um 19 Uhr eröffnet. Es sprechen Dr. Joachim Bläse, Erster Bürgermeister, Dr. Andreas Gabelmann, Kunsthistoriker, Radolfzell (Eröffnungsrede siehe rechte Spalte als pdf-Datei zum Nachlesen) und Dr. Monika Boosen, Leiterin Museum im Prediger. Die Pianistin Feng Wu umrahmt die Eröffnung mit Klaviermusik von Claude Debussy und Johannes Brahms.

Reisen zu sich selbst

Die Landschaft gehört mit zum wichtigsten Komplex im Werk Erich Heckels, das sich über sechs Jahrzehnte erstreckt. In einem Brief vom 7. Juli 1913 schreibt der Künstler an Walter Kaesbach, den befreundeten Mentor der Moderne, Kunsthistoriker und späteren Museumsdirektor: „Es ist ja immer so, dass ich eine Idealheimat habe und Stücke davon hier und da finde, da gehören Berge und welliges Gelände dazu, flache Ebene wie die Heide in Oldenburg, und Meeresküste, eine Flusslandschaft mit badenden Menschen.“ Die „Stücke“, die der Künstler auf seiner Suche findet, ergeben ein großartiges Reisetagebuch und sind zugleich Reisen zu sich selbst.
Bereits seit 1911 sucht Heckel nach einem Ort an der Ostsee-Küste, an dem er fern der Zivilisation ein naturnahes Leben realisieren konnte, das ihn zu einer intensiven künstlerischen Auseinandersetzung mit der Landschaft, dem Meer und dem badenden Menschen inspirierte. Im Sommer 1913 entdeckt er das Dorf Osterholz an der Flensburger Förde, das mit seiner idyllischen Abgeschiedenheit und dem spannungsreichen Auf und Ab der schleswigschen Landschaft geeignet dafür erschien. 1920 reist Heckel über Tübingen an den Bodensee. Es ist die erste der von nun an alljährlich, meist im Frühjahr stattfindenden Reisen, die ihn durch Süddeutschland und später auch ins europäische Ausland führen und von denen er eine reiche Ausbeute an Zeichnungen nach Hause zu bringen pflegt. Heckels Reiseziele sind unter anderem Oberbayern und Flandern (1924), das Tessin und Graubünden (1925), das Rhônetal, die Provence und das Roussillon (1926), Main und Neckar (1927), das Berner Oberland, Dänemark und Schweden (1928), die Pyrenäen und Aquitanien (1929), Norditalien mit Vicenza, Verona und Venedig (1931), der Bodensee und die Schwäbische Alb (1935), Rom und Sizilien (1936), das Salzkammergut und Kärnten (1940-42), Sylt, der Schwarzwald, Holland, die Schweizer Alpen und das Tessin (ab 1949 bis in die 1960er Jahre).

Landschaft als Innenschau und Naturerlebnis

Die frühesten Arbeiten aus Osterholz sind vom expressionistischen Geist geprägt: in spontan-intuitiver Gestaltung geben sie die See, die Landschaft und die Badenden mit zerrissenen Formen und kantiger Gebrochenheit wieder. Bis 1944 war Osterholz Heckels regelmäßiges Domizil für die Sommermonate, unterbrochen nur durch seinen Flandern-Aufenthalt im Ersten Weltkrieg 1915 bis 1918. Gefolgt wird diese Stilphase von der allmählichen Beruhigung der Bildsprache Heckels in den Jahren nach seiner Rückkehr aus dem Krieg, einhergehend mit weicheren Formen und einem Verzicht auf eine Übersteigerung der Farbwerte. Anfang der 1920er Jahre entdeckt er die Berge für sich, was ihn ins Allgäu, in die Alpen, an den Bodensee und in den Schwarzwald führt. Die Strenge und Monumentalität der Berge gewinnt damit erstmals auch Eingang in seine Landschaften. Die Darstellungen der Bergwelt dominiert vor allem das Erlebnis der machtvollen Kraft dieser in ihrer majestätischen, ewigen Erhabenheit der menschlichen Sphäre entrückten Landschaft.
Deutlich schwingt in Heckels Landschaften ein romantisch zu nennendes Element mit, das in der Natur das Unfassbare, das transzendente Empfinden der Schöpfung sichtbar macht. In oft lyrischer Gestimmtheit ergründet er das Wesen der Natur. Die Bildsprache bringt inneres Erleben, gefühlte Schwingungen und Emotionen zum Ausdruck und zielt in ihrer Wirkung zugleich auf eine übergeordnete Harmonie. Die Landschaft wird zu einem Raum der Innenschau und zum Sinnbild einer romantischen Empfindsamkeit. In den 1930er und 40er Jahren schließlich entwickelte Heckel vor allem in seinen Landschaften eine ganz eigene Malerei des Lichts, bei der die Farbe in unendlicher Zartheit und mit lasierenden Schichten eine transparente Qualität besitzt. Wie Heckel, bei aller künstlerischen Freiheit in der Ausführung des Motivs, das Spezifische einer Landschaft erfasst, ihre Atmosphäre und Farbigkeit, ihr Licht und ihren Zauber, macht die Faszination jedes seiner Aquarelle aus. Damit fügt Erich Heckel der deutschen Landschaftsmalerei ein eigenes Kapitel hinzu.

Biografie

Erich Heckel wird am 31. Juli 1883 in Döbeln (Sachsen) geboren. 1904 beginnt er zunächst ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Dresden, das er jedoch schon ein Jahr später wieder aufgibt um Künstler zu werden. Gemeinsam mit Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl gründet er 1905 die legendäre Künstlergruppe „Brücke". Im Ersten Weltkrieg ist Heckel als Sanitäter in Flandern. Die Zeit des Nationalsozialismus bedeutete für Heckel die Diffamierung als „entarteter“ Künstler: 1937 werden 729 Arbeiten in deutschen Museen beschlagnahmt. Im Jahr vor Kriegsende zerstören Fliegerbomben das Atelier in Berlin; alle Druckstöcke und zahlreiche Arbeiten werden dabei vernichtet. Heckel zieht daraufhin nach Hemmenhofen an den Bodensee. 1949 erhält er einen Lehrauftrag an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe, den er bis 1955 innehat. Im Jahr 1955 nimmt er an der Documenta I in Kassel teil. Anlässlich des siebzigsten Geburtstages des Künstlers 1953 finden erste große Retrospektiven auf das Lebenswerk statt, zum 80. Geburtstag gewichtige Ausstellungen in Berlin, Hamburg, Essen, Karlsruhe, Stuttgart und München. Erich Heckel, der am 27. Januar 1970 in Radolfzell am Bodensee stirbt, erhält zeitlebens zahlreiche Preise und Ehrungen, darunter den Kunstpreis der Stadt Berlin (1957) und des Landes Nordrhein-Westfalen (1961) sowie das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland (1953) und den Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste (1967).

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