Reinhold Nägele.

Wanderer zwischen den Welten

22. Mai – 4. Oktober 2015

Reinhold Nägele (1884-1972), Rolltreppe, 1958, Hinterglasmalerei, 30 x18 cm, Kunstmuseum Stuttgart. Foto: Kunstmuseum Stuttgart. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Reinhold Nägele (1884-1972), Rolltreppe, 1958, Hinterglasmalerei, 30 x18 cm, Kunstmuseum Stuttgart. Foto: Kunstmuseum Stuttgart. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Reinhold Nägele (1884-1972) zählt zu den herausragenden Vertretern der figurativen Malerei im 20. Jahrhundert – und er war ein Wanderer zwischen den Welten: in der Kunst zwischen Realismus und magischen Traumwelten; im Leben zwischen seiner schwäbischen Heimat Murrhardt, die er 1939 mit seiner jüdischen Frau und Familie verlassen musste, und der amerikanischen Metropole New York, seinem Exil, aus dem er erst 1963 wieder heimkehren sollte. In kleinformatigen wie kleinteiligen Bildern erscheint er als ironisch-distanzierter Chronist aktuellen Zeitgeschehens und als Interpret heimatlicher Landschaft. Die Ausstellung würdigt das virtuose, immer wieder neu faszinierende Werk Reinhold Nägeles und zeigt den Künstler als Wanderer zwischen den Welten. Zu sehen sind über 70 ausgewählte Arbeiten aus öffentlichen und privaten Sammlungen, die das vielseitige, sechs Jahrzehnte umspannende Werk des Künstlers in seinem ganzen Motivspektrum und technischen Repertoire beleuchten: angefangen von Porträts und Selbstporträts über Landschafts-, Stadt- und Straßenansichten bis zu sinnbildhaft-verrätselten Kompositionen, ausgeführt als Öl-oder Temperagemälde, als Aquarell, Radierung oder Hinterglasbild.

Reinhold Nägele (1884-1972), Rolltreppe, 1958, Hinterglasmalerei, 30 x18 cm, Kunstmuseum Stuttgart. Foto: Kunstmuseum Stuttgart. © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Eröffnung

Die Ausstellung wird am Freitag, 22. Mai, um 19 Uhr im Festsaal des Prediger durch Oberbürgermeister Richard Arnold eröffnet. Zum Werk von Reinhold Nägele spricht Dr. Eva-Marina Froitzheim vom Kunstmuseum Stuttgart, zur Ausstellung Museumsleiterin Dr. Monika Boosen. Peter Varda, seit 2011 Lehrer an der Städtischen Musikschule in Schwäbisch Gmünd, umrahmt die Eröffnung mit Klarinettenmusik.

Jenseits aller Strömungen

Das künstlerische Schaffen Reinhold Nägeles „durchzieht eine Kraft zur ganz eigenständigen Bilderfindung“, so Brigitte Reinhard in der ersten, 1984 erschienenen Künstler-Monografie. Nägeles Werk kristallisiert sich unbeirrt und weitestgehend unbeeinflusst von den Ismen der europäischen Moderne. Zwar tragen seine Bilder sachlich-realistische oder auch surreale Züge, doch stehen sie in ihrer eigenen Originalität singulär jenseits aller Strömungen. Bereits die frühesten Zeugnisse lassen einen geradezu fertigen Künstler erkennen: sie zeigen einen begnadeten Zeichner und einen in der Virtuosität des Strichs seiner Radierungen geradezu altmeisterlichen Porträtisten. In seinen miniaturhaften Gemälden findet er zu einem verfeinerten Kolorismus und einer Malerei von großer Finesse. Der haarfeine Pinsel, mit dem er im kleinen Bildformat malt, ist ebenso sicher wie locker. Ausdruck seiner ureigenen Positionierung sind Hinterglasbilder von selten schöner Leuchtkraft, in denen er die alte, anspruchsvolle Technik der Hinterglasmalerei zu seinem speziellen Medium entwickelt und erneuert.

Reflexionen der Welt von allgemeiner Gültigkeit

Zu Reinhold Nägeles bevorzugtem Motivkreis gehören Landschafts-, Stadt- und Straßenansichten, in denen er seine malerische Stärke offenbart er. Gekonnt fängt er in ihnen Stimmungen ein. Suggestiv poetisch wirken seine spektakulären Nachtansichten, in denen er Städte mit einem Gefunkel tausender kleiner Lichtpunkte überzieht. Ferner entstehen Porträts – und bis ins hohe Alter Selbstbildnisse, in denen Nägele sein Leben reflektiert und ein Resümee seiner Welt- und Menschenbeobachtungen zieht.
Neben dem Porträtisten und Landschaftler existiert gleichberechtigt der Künstler Nägele, dessen scharfsinniger, literarisch geprägter Blick sich in sinnbildhaft-verrätselten Kompositionen zum Leben und Treiben der Menschen allgemein äußert: da finden sich Zirkus- und Volksfestdarstellungen, Labyrinthe, puppenhausartige Architekturen und bühnenhafte Interieurs, in denen winzige Figuren ameisengleich agieren, sowie Masken- und Puppendarstellungen. In diesen Arbeiten breitet er ein Welttheater aus, das bühnenhaft alle gesellschaftliche Gruppen und Menschentypen versammelt, um dem Betrachter gleichsam einen Spiegel vorzuhalten. Mit unbestechlichem Blick, gleichermaßen präzise und nüchtern beschreibend, entlarvt er menschliche Maskeraden ebenso wie den Abgrund zwischen Schein und Sein. Gerade diese mal realistischen, mal surreal-poetischen Reflexionen der Welt sind es, die dem Werk Reinhold Nägeles allgemeine Gültigkeit geben.

Humor und Erfindungsgabe, Nähe und Ferne

Bezeichnend für Reinhold Nägeles Werk ist eine erzählerische Haltung gepaart mit Humor, Hintersinn und feiner Ironie sowie einer skurrilen Erfindungsgabe. Sie äußern sich in surreal-poetischen Reflexionen größerer und kleinerer Weltzusammenhänge, lange bevor der Surrealismus aus der Taufe gehoben wurde. In seinen Bildern durchdringen sich Nähe und Ferne einerseits sowie Wirkliches und Erfundenes andererseits. Auf der einen Seite beschreibt Nägele mit außerordentlicher Beobachtungsgabe und feinem Pinsel realistisch genau Menschen, Episoden und Landschaften, den Blick so nah wie möglich auf das Geschilderte gerichtet. Auf der anderen Seite bevorzugt er dabei die Vogelperspektive, aus der er Szenerien wie mit dem Fernrohr wahrnimmt; dieser Blick ist Ausdruck der grundsätzlichen Distanz des Malers zum Geschehen und ermöglicht ihm, in der Zusammenschau das Aufeinanderprallen von Gegensätzen darzustellen. Verwurzelt zum einen in der Wirklichkeit, schlagen seine Kompositionen zum anderen immer wieder in das Fantastische und Skurrile um, wobei sich die Grenzen zwischen Realität und poetisch erfundener Welt gegenseitig durchdringen.
Mit seinen Motiven und Themen, darunter auch die Idee der „Weltlandschaft“, die er in manchen seiner in der Vogelperspektive gemalten Landschaftsbilder realisiert, zeigt sich Nägele in einer Tradition, die bis zu Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel d. Ä. zurückreicht.

Freundschaft mit dem Bildhauer Jakob Wilhelm Fehrle

Mit Jakob Wilhelm Fehrle (1884-1974), dem gleichaltrigen Gmünder Bildhauer, Maler und Grafiker, verbindet Nägele eine rund 25-jährige, wechselvolle, sich mit der Emigration des Künstlers verlierende Freundschaft; sie dokumentiert sich in über hundert Briefen und Postkarten aus dem Nachlass Fehrles, beginnend 1910 und endend 1936. 1910 besucht Nägele Fehrle in München. Fehrle vermittelt Nägele die Technik der Radierung, die dem zeichnerischen Talent des 26-Jährigen entgegenkommt und ihn beflügelt. Bis 1933, dem Jahr, in dem er die Radiertätigkeit beendet, schafft er in diesem Medium Grafiken, die durch ihr überaus feines Linienbild bestechen und zum Schönsten gehören, was die südwestdeutsche Kunst auf diesem Gebiet hervorgebracht hat.

Stuttgarter Secession

Es spricht für Reinhold Nägeles kultur- und kunstpolitisches Bewusstsein, dass er, wie Fehrle, zu den Gründungsmitgliedern der „Stuttgarter Secession“ gehört. Die Aktivitäten dieser Künstlervereinigung, die sich als Plattform für junge und zeitgenössische Kunst verstand, hat Nägele von deren Gründung 1923 bis zur Auflösung 1933 sowohl als Vorstand und Organisator von Ausstellungen als auch mit eigenen künstlerischen Beiträgen engagiert mitgestaltet.

New Yorker Exil

Eine Zäsur in Nägeles künstlerischer Arbeit stellt die Emigration 1939 nach New York dar, die dem mittlerweile 55-jährigen, durch europäische Literatur und Philosophie geprägten Künstler vorübergehend den Boden seines Schaffens entzieht. „Für mich ist New York oft die reine Hölle“, schreibt er in einem Brief Mitte der fünfziger Jahre. Dem großstädtischen Motivrepertoire kann er zunächst wenig abgewinnen. Die Weltstadt mit ihren Menschenmassen zwischen den Wolkenkratzern, die tiefe Straßenschluchten bilden, ist ihm die ersten Jahre ein Alptraum. Er entdeckt die amerikanische Passanten-Einsamkeit, ein Phänomen New Yorks. Die Stadt mit ihren wimmelnden Menschenmassen wird sein Thema, dem er sich in Variationen widmet. Er malt die Anonymität der Leute auf endlosen Rolltreppen, die über den oberen Bildrand weiterführen. Aber es entstehen auch Landschaften und kleine Blumenbilder, wie aus großer Versenkung heraus gemalt. Als er 1963 aus dem Exil in seine Heimat zurückkehrt, ist er fast achtzig. In Murrhardt vollendet er sein Alterswerk, das alle spezifischen Züge seiner Welthaltung und Menschensicht enthält.

Biografie

Reinhold Nägele wird am 17. August 1884 in Murrhardt geboren. Bei seinem Vater absolviert er eine Lehre als Dekorationsmaler (1899-1904). Von 1902 bis 1905 besucht er die Kunstgewerbeschule in Stuttgart. Wichtig für seinen überregionalen künstlerischen Erfolg wird die Ausstellung seiner Werke 1907 und 1908 bei Paul Cassirer in Berlin. 1921 heiratet er die jüdische Ärztin Alice Nördlinger. 1923 gehört Nägele zu den Mitbegründern der Stuttgarter Secession, für die er sich bis zu deren Auflösung 1933 im Vorstand engagiert. Als Jüdin verliert seine Frau 1933 die kassenärztliche Zulassung, 1937 die ärztliche Approbation; wegen „jüdischer Versippung“ wird er aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen und erhält Malverbot. 1939 emigriert das Ehepaar Nägele über Paris nach London, schließlich nach New York. Trotz mehrerer verlockender Angebote kehrt der Künstler erst nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1963 nach Murrhardt zurück. Am 30. April 1972 stirbt Reinhold Nägele in Stuttgart.

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