Giuseppe Gavazzi.

Il mondo dei bambini – Skulpturen

19. Juli – 29. September 2002

Giuseppe Gavazzi, Maternità viola, 1983, Terracotta policroma, 76 x 40 cm (Ausschnitt). © Giuseppe Gavazzi

Kinder, im Arm ihrer Mütter, auf Stühlen sitzend oder zu Pferd, mit diversen Utensilien und in Tücher gewickelt, bunte Pullover oder Hüte tragend und modelliert in Terrakotta – sie gehören zu Giuseppe Gavazzis „il mondo dei bambini“ („die Welt der Kinder“) und sind vom 19. Juli bis zum 29. September 2002 zum ersten Mal in der Galerie im Prediger Schwäbisch Gmünd zu sehen. Vorgestellt werden fünf plastische Werkgruppen des italienischen Malerbildhauers: die halbfigurigen Bildnisse und die Büsten, die ganzfigurigen Einzel- und Gruppenstatuen, die Reliefs sowie die aufwendigen Pferd-und-Reiter-Ensembles; allesamt sind sie in Terrakotta, Stucco forte, Gips oder in Holz gefertigt und anschließend farbig gefasst. Ergänzt wird die Ausstellung durch Zeichnungen, die als autonome Arbeiten unverzichtbarer Teil des plastischen Werkes Gavazzis sind und die hier vor Ort ab heute in der Galerie erst entstehen.

Giuseppe Gavazzi, Maternità viola, 1983, Terracotta policroma, 76 x 40 cm (Ausschnitt). © Giuseppe Gavazzi
Giuseppe Gavazzi, Bambino al mare, 1983, Terracotta policroma, 50 x 90 x 70 cm. © Giuseppe Gavazzi

Selten in der Biografie eines Künstlers haben sich berufliche Entwicklung und künstlerische Berufung gegenseitig derart befruchtet wie im Werk des italienischen Künstlers Giuseppe Gavazzi. Giuseppe Gavazzi, 1936 in Frankreich geboren und in Pistoia (Toskana) lebend, gehört nicht nur zu den bedeutendsten und gefragtesten Restauratoren in Italien, sondern auch zu den renommierten Künstlern seiner Heimat. Anfänglich hat sich Gavazzi der Malerei gewidmet. Parallel hierzu begann er 1955 Stein zu behauen und Flachreliefs zu schaffen, um später zur Holzbearbeitung überzugehen. Seit 1966 hat er sein Interesse für Terrakotta entwickelt, die er ursprünglich nur patinierte und erst ab 1968 daran dachte, beim Brennen beschädigte Skulpturen durch Bemalung zu „retten“. Auch wenn farbig gefasstes Terrakotta das bevorzugte Material des Malerbildhauers bleibt, stellt er immer wieder Werke in Stuck, Marmor, Gips, Bronze oder Holz her.

Giuseppe Gavazzi, Bambino al mare, 1983, Terracotta policroma, 50 x 90 x 70 cm. © Giuseppe Gavazzi
Giuseppe Gavazzi, Bambina sopra la sedia, 1992-93, Terracotta policroma, 102 x 43 cm. © Giuseppe Gavazzi

Gavazzi knüpft mit seinen Figuren an die traditionelle toskanische, vielfarbige Skulptur an. Motive und Methoden seines Restauratorenhandwerks wirken sich dabei in einzigartiger Weise unmittelbar auf die Gestaltgebung seiner Skulpturen aus; sie geben Gavazzis Kindern, Mutter-Kind-Paaren und Tieren jene Anmut, Aura und Historizität, die – eingekleidet in den Kontext von Alltag und Gegenwart – zu einer spannungsreichen Symbiose erwächst. Insbesondere bei den Büsten und den Pferd-und-Reiter-Ensembles tritt diese Spannung aus dem Dialog von Geschichte und Gegenwart deutlich zutage. Diese Motive sind so alt wie die Kunstgeschichte, und bis heute bleiben in der italienischen Kultur insbesondere die etruskischen Wurzeln präsent; in der Interpretation von Gavazzi weisen sie zugleich alle Merkmale unserer Gegenwart aus.

Bei den Kinderbüsten ist es die Erinnerung an das historisch-aristokratische Porträt der Renaissancezeit, die Gavazzi vergegenwärtigt und auf überraschende Weise variiert. Ausgangspunkt haben Gavazzis Terrakotta-Büsten in einer hohlen, einfach modellierten und weitgehend glatt verarbeiteten Form; ihre einzigartige Wirkung erzielen die Figuren durch die besondere, die Form ergänzende und steigernde Maltechnik, den individuellen Porträtcharakter, aus der immer Würde und Ernst ausstrahlenden Pose und Mimik, aus ihrem geschichtlichen Bezug und schließlich aus ihrer Verflechtung in das unmittelbare Lebensumfeld, in Alltag und Gegenwart. Mimik und Stilisierung unterstreichen den verhaltenen Ausdruck in den Gesichtern und Blicken der Kinder und die jeder Arbeit eigenen Melancholie. Aus dieser einzigartigen Verbindung von Introvertiertheit und kindlicher Unbeschwertheit erwächst der besondere Reiz, den Gavazzis Arbeiten ausstrahlen.

Giuseppe Gavazzi, Bambina sopra la sedia, 1992-93, Terracotta policroma, 102 x 43 cm. © Giuseppe Gavazzi
Giuseppe Gavazzi, Bambina a cavallo decoro giallo, 1994, Stucco forte policroma, 97 x 54 cm . © Giuseppe Gavazzi

Bei den Pferd-und-Reiter-Gruppen ist es – unter anderem – ein Erinnern an die traditions- und ideologiereichen Pferd-und-Reiter-Denkmale, die Herrschaft, Macht und Expansionsdrang verkörpern. Gavazzi findet hier nicht nur zu einer eigenen skulpturalen Lösung, sondern gibt dadurch, dass es sich bei den „Reitern“ um Kinder handelt, dem Motiv auch inhaltlich eine völlig neue Wendung; er nimmt dem Ensemble auf diese Weise jede Herrschaftssymbolik und stellt eine natürliche Verbindung in der Paarbeziehung her, die zum einen Ruhe, Normalität, und Alltag ausstrahlt, und zum anderen Ernsthaftigkeit, Anmut und Würde vermittelt – ein ursprüngliches Verhältnis zwischen Mensch und Tier, Mensch und Natur, Kreatur und Kunst.

Tradition, Handwerk, Bildhauerei und Malerei verbinden sich im Werk von Gavazzi zu einem harmonischen Ganzen und verleihen seinen Arbeiten ihre eigenständige und unverwechselbare poetische Ausdruckskraft.

Giuseppe Gavazzi, Bambina a cavallo decoro giallo, 1994, Stucco forte policroma, 97 x 54 cm . © Giuseppe Gavazzi

Eröffnung

Oberbürgermeister Wolfgang Leidig und der italienische Generalkonsul Dr. Mario Musella eröffnen die Ausstellung in der Galerie im Prediger am Freitag, dem 19. Juli 2002, um 19 Uhr im Beisein des Künstlers. Zur Ausstellung sprechen der Hauptsponsor Burkhard Fichtner von der Vereinigten Gmünder Wohnungsbaugesellschaft und Museumsleiterin Dr. Gabriele Holthuis. Das Buffet zur Eröffnung stammt von der Azienda Agraria Brunelli in Montalcino. Zweiter Ausstellungsort sind die Geschäftsräume der Vereinigten Gmünder Wohnungsbaugesellschaft – VGW – , in der Vorderen Schmiedgasse. Zweiter Station der Ausstellung ist die Galerie Ewald Karl Schrade in Schloss Mochental, die „il mondo dei bambini“ vom 13.10. bis 1.12.2002 zeigt.

Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog (dt./ital., 64 Seiten, 14 Euro) und das Begleitheft „Vernissage“ (5 €). Telefonische Informationen zur Ausstellung gibt es im Museum im Prediger unter (0 71 71) 603-41 30 oder im Internet unter www.schwaebisch-gmuend.de.

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