Nanna-Paradox.

Nanna – Paradox. Über Bäume in anderen Zuständen

2. Juni – 27. August 2006

Christoph Loos, Nana Paradox #11, 2005 (Ausschnitt). © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Christoph Loos, Nana Paradox #11, 2005 (Ausschnitt). © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Der Bildhauer Christoph Loos wurde in den letzten zehn Jahren durch seine radikale und völlig neuartige Auffassung zum Holzschnitt bekannt. Die teils monumentalen Formate bestechen durch konzeptuelle Klarheit und eine hohe sinnliche Qualität. In all seinen Arbeiten und Medien, ob Zeichnung, Skulptur, Holzschnitt, Installation oder Fotografie, spürt Loos mit äußerster Konsequenz einem Thema nach, dessen Vielschichtigkeit und Komplexität er in immer neuen Aspekten erforscht: Der Baum als Metapher der existentiellen Daseinsform für Erinnerung, Zeit und Verlauf, und der Baum als Symbol einer Einheit, an der die Dialektik von Hülle und Kern, Innen und Außen bis hin zum letzten Grad von Leben und Tod erfahrbar wird.

In der Galerie im Prediger stellt Christoph Loos zum ersten Mal drei neue Zyklen vor: Von Monden und Pillendrehern, Absent Presence und Nanna-Paradox. Der jüngste und in der Ausstellungspräsentation zentrale Zyklus Nanna-Paradox zeigt erstmals Vivisektionen, archaische Einschnitte an lebenden Bäumen. Loos bezieht sich im Titel des Zyklus auf eine Figur der mittelalterlichen Edda, die Blütengöttin Nanna, Frau des Lichtgottes Baldur. Sie personifiziert das Individuelle, das die Pflanzen an einer „allgemeinen gottbeseelten Natur“ haben. Paradox erscheint dieser Nanna-Mythos dann, wenn Loos ihn durch seine Vivisektionen herausfordert. Nach dem „Öffnen“ der Bäume gehen Akteure mittels Versenkung ihrer Köpfe oder Arme kurzzeitig eine kuriose Verbindung mit ihnen ein. Auf diese Art entsteht eine auratische Verknüpfung von Baum und Mensch im Zustand höchster Verletzung und gleichzeitig stärkster Nähe. Durch den Einsatz von Infrarot-Fotografie – die Wärmewerte in Farbwerte übersetzt – wird diese Inszenierung dokumentiert und ins Surreale gesteigert.

Weitab von sachlicher Fotografie tragen die Aufnahmen Elemente von Spekulation und Emotion in sich und grenzen sich bewusst von der Allgegenwart der dokumentarischen Fotografie ab: Archaisches und Zeitloses, Märchenhaftes und philosophisch-ethische Vehemenz in der Auseinandersetzung mit der Gegenwart zerstörter Natur wirken als vielpoliges Energiepotential in einem Werk, das zugleich expressiv und kontemplativ ist.

Einen zweiten Schwerpunkt der Präsentation bildet – im hinteren Teil des Galerieraums eingeschlossen – die ebenfalls noch nie gezeigte Installation Totum simul (Das Ganze zugleich). Die Arbeit orientiert sich an astronomischen Messgeräten und kreist um die Frage, wie ein Dasein gedacht werden kann – ohne Anfang und ohne ein absehbares Ende.

Einen dritten Gesichtspunkt der Ausstellung markieren so genannte „plastische Skizzen“, die sich in sieben Einzelvitrinen präsentieren. Die Materialien aus den Bereichen Biologie, Religion und Mythologie sind dem Hauptthema assoziativ zugeordnet.

Katalog

In Kooperation mit dem Rheinischen Landesmuseum Bonn und dem Goethe-Institut in Dublin erscheint ein Künstlerbuch mit zahlreichen Abbildungen und Textbeiträgen (148 S., dt./engl., Wienand Verlag Köln, 28 Euro).

Christoph Loos, Nana Paradox #11, 2005 (Ausschnitt). © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
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