Wilhelm Widemann und Moritz Röbbecke.

Die Gnade und die Wahrheit

17. Oktober – 30. November 2008

Wilhelm Widemann und Moritz Röbbecke. Die Gnade und die Wahrheit
Wilhelm Widemann und Moritz Röbbecke. Die Gnade und die Wahrheit

So wirkungsmächtig und frei von Beiwerk hat man sie noch nie gesehen: die beiden Engelskulpturen „Die Gnade“ und „Die Wahrheit“ von Wilhelm Widemann. Der renommierte Gmünder Kunsthandwerker und Bildhauer schuf beide Engel um 1897 als Gipsmodelle für das Hauptportal des Berliner Doms. In der Portalhalle des ehemaligen Gmünder Heiliggeistspitals, die Widemann in den Jahren 1903 bis 1906 zusammen mit seinem Berliner Malerfreund Moritz Röbbecke als Gesamtkunstwerk ausgestaltete, flankierten die Engelskulpturen den Portaldurchgang und wurden eher en passant wahrgenommen. Röbbecke malte für das Vestibül die beiden Gemälde „König Rudolf von Habsburg“ und „Christus heilt die Kranken“. Nach Auflösung des Spitals in den 1980er Jahren und nach über 25 Jahren ist dieses einmalige Ensemble wieder zu sehen. In der Galerie im Prediger präsentiert die Ausstellung unter dem Titel „Wilhelm Widemann und Moritz Röbbecke. Die Gnade und die Wahrheit – Der Berliner Historismus im Spital von Schwäbisch Gmünd“ die beiden monumentalen Skulpturen und Gemälde vom 17. Oktober bis 30. November in bislang nicht gekannter Fernsicht und Lichtheit. Dazu erscheinen die Skulpturen gereinigt und wieder hergestellt. Die Wiederherstellung der Figuren übernahm Paul Stummer.

Wilhelm Widemann und Moritz Röbbecke. Die Gnade und die Wahrheit

Berliner Historismus in Schwäbisch Gmünd

Infolge der Neugestaltung des Eingangs zum ehemaligen Gmünder Heiliggeistspital am unteren Marktplatz in den Jahren 1903-1906 gelangte eine besondere Form des Berliner Historismus nach Schwäbisch Gmünd. Der Kunsthandwerker und Bildhauer Wilhelm Widemann, 1856 in Gmünd geboren und1915 in Berlin verstorben, schuf gemeinsam mit dem Maler Moritz Röbbecke (Meerane 1857-1916 Dresden) ein kunstvolles, bis 1982 bestehendes Portalensemble. Die einzelnen Motive nahmen Bezug auf die Funktion des historischen Spitalgebäudes und bildeten die Hauptakzente des Vestibüls.
Zum einen die beiden von Wilhelm Widemann um 1897 geschaffenen Engelskulpturen „Die Gnade“ und „Die Wahrheit“. Da die Engel Modelle für monumentale, fünf Meter hohe Kupferskulpturen am Berliner Dom waren, hatte Widemann sie nicht in Metall, sondern in Gips modelliert, mit Schellack überzogen, anschließend geschwärzt und stellenweise goldfarben bronziert. Die Engel symbolisieren zwei der insgesamt sechs sog. Herrschertugenden (Tapferkeit, Mäßigung, Gerechtigkeit, Gnade, Wahrheit, Weisheit). In antike Gewänder gehüllt, schwungvoll geflügelt und mit Lilien (Gnade) und Fackel (Wahrheit) als Attribute ausgestattet, begrüßten sie von erhöhtem Sockel aus den durchschreitenden Passanten. Die Modelle zu diesen Figuren durfte Widemann nach ausdrücklicher Genehmigung durch Kaiser Wilhelm II den Gmündern zum Geschenk machen. Zum anderen die beiden von Moritz Röbbecke gefertigten Gemälde „König Rudolf von Habsburg“ sowie „Christus heilt die Kranken“. Die beiden gewaltigen, je 2,65 x 3,35 m großen Bilder entstanden 1903 und 1906 und erinnern an den Schutzbrief des Königs für das Spital im Jahr 1281. Auf dem ersten Gemälde überreicht König Rudolf I. von Habsburg am 3. September 1281 den von ihm ausgestellten Schutzbrief für das Gmünder Spital – hoch zu Ross, von Publikum aus dem Volk und von den Spitalbrüdern umgeben und vor der Kulisse der Johanniskirche und dem fernen Rechberg agierend. Das zweite Gemälde illustriert eine Szene aus dem Markusevangelium, nach der Christus die Kranken heilt. Beide Bilder sind von Röbbecke mit Blick auf eine Fernansicht hin in historisierendem bzw. „altmeisterlichen“ Stil gemalt.
Nachdem das Hospital am unteren Marktplatz nach rund 720 Jahren aufgelöst wurde, verloren die Kunstwerke ihre Bedeutung und wurden entfernt: die Engel 1982 und die Gemälde 1987. Dabei wurden die Engel schwer beschädigt und in ihrem schlechten Zustand im Museum deponiert.

Widemann und Röbbecke – Ihre Zeit und ihre Kunst

Beide fast gleichaltrigen Künstler waren innerhalb ihrer Schaffenszeit dem Historismus verpflichtet. Dazu gehörte sowohl das Kopieren von bestimmten Vorbildern als auch die Neuinterpretation historischer Stile. Insbesondere war es die Zeit der italienischen und der deutschen Renaissance, die beide Künstler intensiv studierten und variierten. Sowohl Moritz Röbbecke als auch Wilhelm Widemann wurden nicht zuletzt dadurch vom königlich-preußischen Haus geschätzt und gefördert. Widemann zählte zu den bedeutendsten Künstlern seiner Zeit und führte u.a. Bauplastiken an verschiedenen Berliner Bauten wie dem Berliner Dom, dem Bodemuseum oder dem Palais des Reichstagspräsidenten aus. Sein Freund Moritz Röbbecke war ein begehrter Bildnis-, Genre- und Stilllebenmaler und vor allem als Kopist sehr gefragt. Zu den Auftraggebern der beiden gehörten Mitglieder der aristokratischen Gesellschaft, Repräsentanten des öffentlichen Lebens und das gehobene Bildungsbürgertum.


Eröffnung

Die Ausstellung wird am Freitag, 17. Oktober, um 19 Uhr im Prediger (Refektorium) durch Bürgermeister Dr. Joachim Bläse eröffnet. Zur Eröffnung sprechen der stellvertretende Vorsitzender der Eduard-Dietenberger-Stiftung, Werner Debler, und Museumsleiterin Dr. Gabriele Holthuis.

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