Michael Langer.

Michael Langer. Zerrbilder 1965–1968

6. März - 3. Mai 2009

„Im verzerrten Spiegel der Kunst erscheint die Wirklichkeit unverzerrt“ – Diese Einschätzung Franz Kafkas ist durchaus zu übertragen auf die „Zerrbilder“ von Michael Langer, der sein künstlerisches Selbstverständnis in einem Gespräch 1968 so formulierte: „Ich suche das Absurde schlechthin. Was dadurch sichtbar wird, sehe ich nicht voraus.“


Ein solches Postulat macht neugierig. Vor allem wenn bei näherer Betrachtung der Biografie des Künstlers klar wird, dass Michael Langer einen singulären, in Deutschland bis heute fast gänzlich unbekannten Beitrag zur Kunst der 1960er Jahre geleistet hat. Diese Entdeckung ermöglicht vom 6. März bis 3. Mai die Galerie im Prediger Schwäbisch Gmünd. „Zerrbilder 1965-1968“ heißt die Werkschau zum 80. Geburtstag des Künstlers, die insgesamt 27 Arbeiten der Jahre 1965 bis 1968 präsentiert – 21 vorwiegend großformatige Ölgemälde und sechs Gouachen. Neben dem malerischen Werk sind zwei Filme zu sehen, die Langers außergewöhnliches Schaffen auf dem Gebiert des Experimentalfilms dokumentieren: „Yin“ aus dem Jahr 1969 und „Sigma“, eine Produktion, die 1971 entstand.

Eröffnung

In Anwesenheit des Künstlers wird die Ausstellung am Freitag, 6. März, um 19 Uhr durch Oberbürgermeister Wolfgang Leidig eröffnet. Zum Werk von Michael Langer spricht Prof. Dr. Andreas Kühne von der Ludwig-Maximilians-Universität München, zur Ausstellung Museumsleiterin Dr. Gabriele Holthuis. Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit der Sammlung Klewan, München. Ein Katalog (168 Seiten, 28 Euro) mit Texten von Cornelia Stabenow und Michael Langer begleiten die Ausstellung.

Biografie

Michael Langer wurde 1929 in Zittau geboren. Er studierte unter anderem an der Akademie der Bildenden Künste München bei Xaver Fuhr (1949-1952) und an der École Nationale Supérieure des Beaux Arts Paris (1952-1953). 1962 erhält er den Kunstpreis des Münchner Herbstsalons. 1968, also mit Vierzig, beschließt er, nicht mehr zu malen. Er ist danach experimentierend und schreibend, vor allem aber lehrend tätig – von 1957 bis 1975 als Lehrer für Technisches Zeichnen und Kunsterziehung in München, von 1975 bis 1992 als Dozent für Kunsterziehung an der Ludwig-Maximilians-Universität München –, um mit Vierundsechzig erneut mit der Malerei zu beginnen. Michael Langer lebt und arbeitet in München.

Künstlerische Wurzeln

Die Malerei von Michael Langer ist zu lesen als Antwort auf die nach 1945 dominierende Abstraktion, steht in der Auseinandersetzug mit der sich ab 1965 als internationales Phänomen etablierenden Pop-Art und zeigt Rückgriffe auf surrealistische Konzepte. Der Künstler selbst sprach Mitte der 1960er Jahre von „expressionistischem Heimweh“ und von der Absicht, den „direkten Gegenstand“ zu finden. Tief beeindruckte ihn Samuel Beckett. Anregungen bezieht Michael Langer vor allem durch Francis Bacon und Pablo Picasso. Wie bei diesen Leitfiguren wird der Gegenstand, um den es ihm geht, erst möglich durch dessen extreme Deformation. Der amerikanischen Pop-Art verdanken seine Bilder die grelle Signalfarbigkeit: Gelb, Orange, Rot, Pink und Grün, und den Umgang mit der Bildkultur des Banalen, der Warenwelt und einem Interesse an Comics. So entsteht in Michael Langers Bildern eine spannende Gratwanderung zwischen der nach 1945 totgesagten gegenständlichen Malerei und der Abstraktion.

Absurder Realismus

Das große Thema in Michael Langers Kunst ist das Absurde. Dahinter steht die Intention, Emotionen des Betrachters herauszufordern. Wesentlich ist ihm dabei die antiperspektivische Struktur seiner Bilderfindungen. Viele Situationen auf seinen Gemälden scheinen durch einen Zerrspiegel gesehen, so sehr steigert Langer die Vortäuschung von Realem: Da rücken einzelne Körperteile weit in den Vordergrund, während sich die übrige Gestalt stark verkleinert und extrem verkürzt in den Hintergrund verflüchtigt. Da verformt sich das Konterfei eines Starlets, so dass ihr Gesicht wie von der Chromstange eines Autos gespiegelt erscheint. Da verschwinden, unter der wechselnden Spannung von extremer Nah- und Fernsicht, manchmal sogar die Köpfe, die mittels der Augenpartie noch eine kleine Orientierung hätten geben können. Lässt man sich auf die überdrehten, sich ausdehnenden und zusammenziehenden Körper genauer ein, so ist erkennbar, dass der Künstler den Gegenstand eigentlich nicht verzerrt, sondern ihn neu konstruiert: Hände sind oft vertauscht, Schultern setzen bewusst unrichtig an, Büstenhalter verselbständigen sich zu Architekturen, Körper gewinnen das Aussehen von Zellformen.

Resultat ist ein komplexes Wechselspiel der Ebenen, das Malerei und Gegen-stand gegenseitig relativiert und Illusionen vortäuscht. Was dadurch entstehen sind „absurde Realitäten“ – nicht nur des Gezeigten, sondern auch der vorgefassten Meinungen. „Die von mir angewandte Theorie der absurden Darstellung von Gegenständen … folgt deshalb richtig auf das Ende der gegen-standslosen Blüte“, sagt Michael Langer. Dass sich seine Bilder rigoros jeglicher metaphysischen Deutung entziehen, lassen sie umso drastischer und packender erscheinen. Wie ein Chronist geht es ihm darum, psychische Wirklichkeiten sichtbar zu machen.

In den Experimentalfilmen, denen sich Michael Langer ab 1968 widmet, hat er seine Prinzipien, vor allem die Synthese von Abstraktem und Konkretem, in Bewegung umgesetzt. Darin verwendet er erstmals – von ihm selbst entwickelt – technische Hilfsmittel, zum Beispiel biegsame Spiegelbleche.

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